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16. März 2016 3 16 /03 /März /2016 10:48

Vortrag gehalten zur Ausstellungseröffnung "30x30x30" der Galerie ZS Art, 1070, Westbahnstrasse 27-29

"Paul Klee: »Ein Bild, das einen nackten Mann zum Gegenstand hat, soll ihn so darstellen, daß nicht die Anatomie des Mannes respektiert wird, sondern die des Bildes.«" (Handbuch der Malerei und Kalligraphie S63.Saramago, José)

Die Kunstrezipientin (beiderlei Geschlechtes) realisiert im Kunstwerk die eigene Sinnlichkeit, sie erlebt das gesellschaftlich ästhetisch geformte Objekt auf der Ebene einer Nichtalltäglichkeit, der künstlerischen Werthaftigkeit.

In entwickelter Form ist die Kunst ein Werkzeug zum erweiterten Selbstgenuss, in welchem sich die Künstlerin und die Rezipientin der Spannung zwischen Werk und Selbst in der Produktion/Aneignung des Werkes jeweils bewusst werden und nicht in ein passives Illusionieren des Ästhetischen versinken.

Kunst reflektiert sich im eigenen Medium:

Bild im Bild, Sprache in Sprache, Musik in Musik…mit medial homogenisierendem Bezug auf die immer schon ästhetisch geformte Realität.

Denn das Spezifische an der künstlerischen Produktion ist nicht die Erzeugung eines Kunstwerkes als eines ästhetischen Objekts, denn ästhetisch sind letztendlich alle Objekte.

Es handelt sich in der Kunstproduktion vielmehr um die Vergegenständlichung des aktiven Subjekts und seiner Welt auf derselben sinnlichen Seinsebene, mit anderen Worten: die Sinnlichkeit des Subjekts wird am Kunstwerk bewusst erlebbar und hinterfragbar.

Alle Kunst ist Palimpsest im Eigenen, permanente Arbeit am bisher Fixierten, sie erscheint als das Unsagbare / Unfixierbare, als die Entsinnlichung des Versinnlichten.

Die Destruktion der alltäglich erfahrbaren Ästhetik, das absolut herkömmlich Unästhetische – das ist die Kunst.

Die chaotische Leidenschaft, geformt durch tausendfache disziplinierte Praxis der Künstlerin, ergibt das ultimative Un-bild als Bild-kunst-werk.

Pointiert kann die Funktion der Kunst gegenüber der Ästhetik also dahingehend bestimmt werden, dass die Kunst im Rahmen des gesellschaftlich gebildeten, daher sinnlich realisierten Orientierungsprozesses des menschlichen Individuums spezifisch der Subjektentwicklung dient.

Ästhetik ist demgegenüber in einem selbigen Wertverhältnis primär mit der allgemein sinnlichen Organisation der Objektwelt befasst.

Das Kunstwerk hat seine eigene Grenze, erscheint aber als begehrendes überfließendes (Luxus) Simulacrum der einzigartigen Realität und ist damit ein Moment der unendlichen Totalität des sozialen Seins.

Das Kunstwerk widersteht der Sinnsuche durch die Sinne der Betrachterin.

Die kritische Destruktion der scheinbar unmittelbaren Sinneinheit in der Kunstwahrnehmung ist die kunsteigene Art des Verstehens und Nichtverstehens, welche das Medium selbst als sozial-interaktives der verdinglichten Entfremdung entreißt.

Das Werk ist die ultimative Metapher des Unverständnisses durch den Normalsinn.

Der Sinn der Kunst liegt im Kunstsinn als besonderes Ergebnis der allgemeinen Entwicklung / Veränderung der Sinne des Menschen durch die Entwicklung des gesellschaftlichen Seins.

Die Konkrete Kunst hat im Rahmen der Bildenden Kunst die Vorherrschaft der darstellungs- und ausdrucksorientierten Interpretation der Kunst endgültig in Frage gestellt.

Sie stellt diejenige Strömung in der Kunst dar, welche eine besondere Sensibilität zu den konkreten Formen der Welterfahrung entwickelt. Die Farben, die n-dimensionalen Formen, das heißt die Formen des konkreten Sehens der Welt und deren Objekte und nicht die Formen der Reflexion der Weltsicht sind ihr Gegenstand.

Die Form ist nicht Ausdruck des Inhalts, nicht dessen schmückende Beigabe, vielmehr besitzt die Form Eigenwert.

Die Form bezieht sich nicht unmittelbar auf den im Kunstwerk dargestellten Inhalt, sie stellt ihn nicht dar, sondern verweist auf einen von letzterem unterschiedenen Realitätsinhalt, der nicht als Inhalt der Form erklärt werden kann.

Die Form gibt in Bezug auf einen außerhalb der Künstlerin gelegenen Kommunikationskontext eine Wertung des geäußerten Inhaltes ab.

Man kann vom Gehalt der Form sprechen, da diese einen Inhalt determiniert, indem sie diesen zu einem anderen Inhalt in Beziehung setzt, ohne einen dieser Inhalte darzustellen.

Die darstellenden Elemente sind nicht auf die dargestellten Elemente, den Inhalt, reduzierbar, sondern existieren quasi gleichberechtigt. (Gestus, Farbauftrag, grafische Formenwahl, Komposition, Materialauswahl..)

Das ist das Bild im Bild!

Die einzig mögliche Objektivation des Bewusstseinsinhaltes sind die vielen Formen der menschlichen Kommunikation und Sprachformen, genauer: der Ausdruck des Wortes im Wort, Bild im Bild, Musik in Musik.... Nur hier besitzt der reflexive Selbstbezug eine vom Individuum unterschiedene Existenz und kann auf diese Weise wirklich kommuniziert werden.

In der Kommunikation und damit bei Verwendung der Kunst-Sprache kommt es bei aller Individualität zu einer Generalisierung der Bewusstseinsinhalte der Individuen, ohne dass diese Bewusstseinsinhalte selbst zum Gegenstand der Kommunikation werden.

Die Kunst als Formgehalt geht von der Existenz positionsabhängiger Sozialbeziehungen zwischen den Individuen aus, reduziert aber diese nicht auf die intersubjektive Beziehungen der Individuen.

"30x30x30" , schon das Format 900 cm² ist eine Herausforderung durch seine beschränkte Größe, dadurch stellt diese auch besondere Anforderungen an die Komposition. Das Werk wird mit minimalen Mitteln auf den Gehalt der Bild-Sprachform orientiert, ähnlich in der konkreten Poesie. Die Werke der konkreten Kunst sind in ihrer poetischen Konzentration mit besonderer Intensität geladen. Form und Inhalt treten nicht getrennt auf, sondern sind mit dem übergreifenden Moment des Gehaltes der Bild-Form auf den kommunikativen Kontext, die Kommunikationsfähigket und damit soziale Situation der Rezipientinnen bezogen.

Zur konkreten Ausstellung noch eine Bemerkung:

Wenn wir als kleinste wahrnehmbare Einheit im Bild 1 cm² annehmen dann ergeben sich 27.000 Einheiten und dann sind wir mit deren unendlich verflochtenen Strukturen vielleicht überfordert.

Ein virtuelles Teilchen, intermediäres Teilchen oder Teilchen in einem virtuellen Zustand ist ein Konzept aus der Quantenfeldtheorie, wo es zur theoretischen Beschreibung der fundamentalen Wechselwirkungen der Elementarteilchen benötigt wird. Man kann sich den virtuellen Zustand eines Teilchens als einen kurzlebigen Zwischenzustand vorstellen, der während einer Wechselwirkung zweier Teilchen auftritt, die sich in „normalen“, also reellen Zuständen befinden. Das virtuelle Teilchen stellt als Austauschteilchen diese Wechselwirkung eigentlich erst her, ist im virtuellen Zustand nach außen aber niemals sichtbar. So wird z. B. in der Quantenelektrodynamik die elektromagnetische Wechselwirkung zweier Elektronen durch den Austausch eines virtuellen Photons vermittelt.

Reinhold Sturm (Dank meiner Lektorin Dr. Gabriele Stöger)

Literatur

„Ästhetik der Kunst“ Autorenkollektiv, Berlin 1987

„Abbild, Sinnbild, Wertung“, Rita Schober, 1982

„Manierismus“ u.a., Arnold Hauser, 1964

„Die Logik des Sinns“, Gilles Deleuze, 1990 ?

„Die Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, Georg Lukacs

„Der Gehalt der Sprachform“, Janette Friedrich, 1992

„Allgemeine Werttheorie“, Peter Moeschl, Reinhold Sturm, 1991

Katalogtext zum Gemälde „24.Mai“, von Jürgen Messensee, Kunstforum , Reinhold Sturm, 2013

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