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8. Mai 2013 3 08 /05 /Mai /2013 11:33

Rückkehr des Menschen als Riesen

Wahrer als im Leben - das kann nur die Kunst

 

linkvirgilius-moldovan-hitler-zereist-den-nackten-hasen.jpg                   moldovan-virgilius-mit-papsten.jpg

 

Die Wahrheit kann beunruhigen. Das erfährt jeder, der sich von Virgilius Moldovans hyperrealistisch dargestellten Figuren zur Übertretung jener Grenze verführen lässt, die uns gemeinhin als Scheu vor der obszoenen Intimität des Anderen erscheint und davor bewahrt, uns selbst zu genau in dessen Durchschnittlichkeit zu erkennen. So erhalten Moldovans Skulpturen ihre enorme künstlerische Kraft nicht aus der Perfektion ihrer Fertigung, sondern aus dem Nicht-Perfektsein ihres Gegenstands: des Menschen. Die Beunruhigung in dieser gestalteten Wahrheit über die  Kuenstler als Menschen , die gesellschaftliche Bedeutung der Gestalten (Picasso, Rembrandt, Warhol..) und deren Vergehen und Tod ist der Garant für das Gelingen der künstlerischen Arbeit. Durch den radikalen Bruch mit den Traditionen von Verklärung oder Kritik auf der einen und Abstraktion auf der anderen Seite gibt Virgilius Moldovan der Kunst ihren Kern zurück, den Menschen selbst.

Virgilius Moldovans Riesen flößen allein durch ihre Ausmaße Unbehagen ein, denn es steht immer die Frage im Raum: Und was, wenn sie sich doch bewegen?

Riesen flößen auch Angst ein. Es ist ihre ungeheure Größe an sich, die beängstigt, denn selbst wenn ein Riese harmlos wäre, so sind zumindest seine Bewegungen immer etwas unberechenbar. Außerdem berichten Sagen und Märchen meistens über schreckliche Riesen. So musste Zeus, der griechische Göttervater, die Giganten, riesige Mischwesen der griechischen Mythologie aus Menschen- und Schlangenleibern, in harten Kämpfen besiegen und er verbannte sie danach aus der Welt und tief unter die Erde.

Männlichkeitsposen und Weiblichkeitsbilder werden nun zu grotesken Metaphern des Körpers zugespitzt. die von ihm für seine Arbeit entwickelten Stilmittel, die die herkömmliche Tradition der Plastik aufbrechen und einen neuen künstlerischen Kontext errichten. Virgilius Moldovan gestaltet seine Skulpturen aus einem manieristischen Geist künstlerischer Souveränität. Damit distanziert er sich entschieden von jener unseligen Aura aus falschem Pathos und Heroismus, die so oft im zwanzigsten Jahrhundert mit der Idee vom Körper in der Plastik verbunden war.

Neben den genuinen Eigenschaften des Riesigen wie Angst und Unbehagen bestimmen poetischer Humor und ein sich Einlassen auf die Freiheit der Inspiration  die Haltung und die Arbeiten des Künstlers und umgeben sie mit einer Dimension menschlicher Heiterkeit und unaufdringlicher Souveränität. Wie in jeder bedeutenden Kunst praegen die Komplexitaet und widerrspruechliche Kombinationen der emotionalen Intellektualitaet deren Wirkung vorallem im SUBVERSIVEN. Witz und Humor waren von jeher ein probates Mittel zur Subversion von Geistlosigkeit und Machtstreben. Auch im Werk Virgilius Moldovans ist das Burleske der Grund aus dem sich die plastischen Metaphern seiner Figurationen entwickeln. Das Burleske ist  heute selten in der Kunst, es ist schwer zu machen und wirkt als Prophylaxe gegen den in der Kunst weit verbreiteten Weltschmerz. Umso eindringlicher wirken die aus einer sehr persönlichen Poetik gestalteten Figuren Virgilius Moldovans, in denen Poesie und der Geist der Groteske ein zutiefst menschliche Panoptikum der Posen und Gebärden unseres Lebens errichten.

Nur aus freundlichen Kindererzählungen ist auch der Typus des traurigen Riesen bekannt, der einsam ist und damit hadert, dass ihn alle für gefährlich halten.

Virgilius Moldovan muss an diese traurige Sorte Riesen in burlesker Absicht gedacht haben, als er den zwei Meter vierzig grossen Picasso oder sein zehnmalgrosses Baby formte. Denn darin unterscheiden  sich Moldovans Figuren grundlegend von Kolossalstatuen  in der Geschichte der Kunst, die stets die Größe und Stärke eines Menschen, eines Gottes oder einer Stadt beweisen sollten. Der riesige Picasso ist nackt  und  sucht selbst nach Schutz. Er wirkt unsicher, ausgesetzt und schwankend. Er zeigt sein erregiertes Glied und blickt in die Ferne der Kunst. Diese Ambivalenz zwischen dem Genialen und dem Genitalen macht unser  Hin- und Hergerissensein  noch besonders unberechenbar.

Unser Erschrecken oder Schmunzeln über seine paradoxe Größe rührt noch von etwas anderem her. Im Gegensatz zu den meisten gigantischen Statuen - wie etwa der Figuren des wiener Heldenplatzes oder dem Straussdenkmal - hat Virgilius Moldovan den Picasso lebensecht dargestellt. Fast immer wird bei einer kolossalen Vergrößerung auch die Vergröberungen der Darstellung in Kauf genommen. So wirken die Einzelteile der Heldenstatuen  plump bis gänzlich abstrakt (ungegenständlich). Schaut man aber den Picasso oder das Baby von Virgilius Moldovan im Einzelnen an, dann sieht man menschliche Körperteile in enormer Vergrößerung haarfein nachgebildet. Die Haut hat Poren, Falten, Adern und wirkt bis auf deren morbide Faerbung echt. Das Gleiche gilt für die Haare und die Augen. Das Unheimliche an den Figuren ist, dass sie in ihrer Größe so durch und durch menschengleich dargestellt sind.

Kunsthistorisch nennen manche solche Darstellungen hyperreal - also realer als real. Es ist paradox : Erst ein Kunststoff erlaubt diese Überrealität der Darstellung von Lebendigem. Als Erster hat in den 1960er Jahren der Amerikaner Duane Hanson detailgetreue Plastiken von Menschen geformt, deren Vorbilder er in den amerikanischen Shoppingmalls und am Rand der Gesellschaft fand. Hanson verwendet dafür, Polyester und Fiberglas, die dann bemalte und angezog, Virgilius Moldovan verwendet Silikon, mit implementierten Adern und Hauttiefenstrukturen, manchmal die Simulation fliessenden Blutes oder Speichel. Während Hanson den Alltag für sich sprechen lässt, will Virgilius Moldovan mit seinen Figuren immer einen Moment des Übergangs zwischen Alltag, Kunst, Trivialitaet, Koerper Geist und  Leben und Tod treffen. Dafür gestaltet er seine nackten Figurenimmer größer  als ihre Vorbilder (wobei die Koerper lebendige Vorbilder aus Moldovans Leben haben, die Koepfe und Koerpererkennungsmmarken stammen aus der Kunstliteratur).  Sie werden zu Zwischenwesen: Einerseits gehören sie in eine andere - entweder verborgene oder jenseitige - Welt der Kunst, andererseits sind sie als Körper im Raum anwesend und in allen Details sichtbar. Diese Ambivalenz und Zerrissenheit spüren wir auch vor dem gigantischen Picasso. Er steht  mitten unter uns, ist einer von uns, obwohl er nicht von dieser Welt sein kann und aus einer anderen Zeit, aus einer verlorenen oder verborgenen Vergangenheit kommt. Denn er erinnert alle seine Betrachter an die Verbote der Sexualitaet, des Obszoenen, dem Voeurismus unserer Tage, die Aengste der Kindheit, an Erfahrungen von Einsamkeit und Zaghaftigkeit, an eine unbestimmte Angst vor dem Leben, die im alltäglichen Lebenslauf vergessen und verdrängt wird. Durch seine Größe konfrontiert uns (stellt uns gegenüber) der Picasso nachdrücklich mit der Größe und der Unausweichlichkeit der menschlichen Angst vor der Existenz, d.h. vor dem Leben, dem Sein, der Welt, der Wirklichkeit.

 

Reinhold Sturm, aus dem Katalog (mel-art,  Wien 2006)

Video in OKTO -TV zu Virgilius Moldovan

http://okto.tv/artmovement/7603/20110926?page=2&view=list

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Published by mel - in kunst
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