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6. März 2013 3 06 /03 /März /2013 13:39

Die Auslöschung des Makels

Zu Gerhard Aba´s Strategie der Auslöschung des Makels

 

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Das Authentische im Realen ist uns nicht unmittelbar gegeben – es ist uns verstellt. Wahre Abbilder des Realen kann es gerade durch die Fotografie nicht geben - das scheinbar absolut Authentische ist auch hier das Unauthentische. Denn: alle Stellvertretung des Realen ist Auslöschung der Authentizität und alle Auslöschung ist Schrift. Die Schrift erweist sich als Zerstörung des Authentischen, andererseits gibt sie vom Authentischen fragmentarisch Kunde. Die Differenz zwischen Schrift (Foto) und Authentischem lässt eine völlige Wiederherstellung der Präsenz nicht zu, „ am Anfang leitet sie die Entfremdung ein, am Ende gelingt ihr die Wiederaneignung nur bruchstückhaft“ (Derrida, Grammatologie S. 247) Als Folge der „differance“ wird die Wiederaneignung der Präsenz von einem Stellvertreter zum anderen geschoben, Eine Kette von Stellvertretern entsteht. Das Eigentliche wird immer nur angedeutet ohne jemals ganz präsent zu sein. (vgl. auch Gernot Weiß, Die Auslöschung der Philosophie, Philosophiekritik bei Thomas Bernhard, 1993)

Die Bilder in ihrer Referenz, Stellvertreter des Realen evozieren Lust/Horror an der verbotenen Zerstörung der Symmetrie des Ideals. Das Körperimage des „Normalen“ entspricht der unbeschädigten Ästhetik der Waren des Supermarktes. Alles ist ganz, neu und frisch – es glänzt. Die Warenästhetik durch die Einübungen des persönlichen Körperdesigns zum wahren Bedürfnis geworden, verweigert den Blick auf das Authentische in der Fülle ihrer stellvertretenden Bilder und Signifikanten. Der verletzten Körper sind jedoch auf dieser Welt - schon immer. Sie sind ausgeschlossen aus der Traumwelt des Realen - verbannt in das Theater der Welt, in die Stellvertreter des Realen eingeschrieben - das ist die Schrift der Bilder. Die Grammatik des Verdrängten- des Unbewussten- als Schrift der Entfremdung, des Kampfes um die Wideraneignung des Authentischen , wenn auch in seiner Partialität. Bedeutend ist daher in der Serie der Fotografien und Bilder des „Makels“ (vgl. den Film „Der Charme des Makels“; Aba, Palank, Teufel 2006) die gezeigte Grammatik der Wiederaneignung durch Aba und uns. Das Eigentliche ist nicht zu fassen, es verschiebt sich von Stellvertreter zu Stellvertreter (Bild zu Bild). Ist es das Entsetzen? die Angst? die Grausamkeit des Realen und Einzigartigen? unser Voyeurismus? oder die Transzendenzlosigkeit der Verletzung?, die damit verbundenen Lüste des Perversen (Grenzüberschreitungslust)?,…oder , oder..?

Frauenkörper treten erst durch die Zuschreibungen der erotischen Schönheit im Partiellen, mittels Definition der Teile des Körpers als Lustobjekte, ins männliche Gesichtsfeld. Dagegen erscheint die weibliche Sicht – wenn nicht zerstört, dann als Reflex auf die männlichen Definitionen des Imaginären. Aba zeigt das Fehlende nicht, er zeigt die Auslöschung des Fehlenden, die Erotik des gelöschten Makels. Die erotisierende Attitude von Aba´s Inszenierungen der Weiblichkeit hebt den fehlenden Teil als erotische Besonderheit hervor, die symbolische Kastration als Zentrum der Lustdynamik - um mit Lacan zu schreiben. Auch hier gilt die Derridasche Sicht der Verdeckung im Schriftlichen. Das Hirn (speziell das männliche) der Rezipienten ersetzt die Makel mit lustvollem Aufwand. Der Bezug zur generellen Deformation der Körper in der Modernen und Postmodernen ist gegeben, das ist Aba`s Analogie zur Art Brut. Die Wirkung der bruchstückhaften Präsenz des Makels im Makellosen ergibt sich aus dem unlösbaren Widerspruch zwischen dem unglaubwürdigen, aber wirkenden verklärten Ideal des Realen und dessen realer verdrängter Grausamkeit in seiner Einzigartigkeit. Eine zutiefst abendländisch christliche Sicht der Welt, wird über die Grammatik der Bilder Aba’s und unsere Einschreibungen reflektier- und kritisierbar.  

Meine Hypothese ist, dass die Kunst mit der Entwicklung ihrer ästhetischen Kategorien (Werturteile) und ihrer Praxis unsere Ideale und damit Verhaltensformen, unser Vorstellungs- und Urteilsvermögen wesentlich formte und formt. Durch die Kulturkritik in seinen Bildern versucht Aba uns aus der Ideolatrie/Idealotrie des abendländischen Kunstverständnisses zu befreien. Dieses gestaltete seit der Renaissance mit Referenz auf die griechische Idealisierung die göttlichen Szenerien des Christentums – und damit, über deren Profanierung, wesentlich unser ästhetisches Wertesystem der unversehrten Körper: Man stelle sich Jesus einbeinig vor oder Maria ohne Arme und Beine ….

Lacan spricht von einem „Realen ohne jede mögliche Vermittlung, des letzten Realen, des wesentlichen Objekts, das kein Objekt mehr ist, sondern jenes Etwas, angesichts dessen alle Worte aufhören und sämtliche Kategorien scheitern, das Angstobjekt par excellence.“  (Lacan, Das Seminar. Buch II (1954–1955): Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Olten/Freiburg 1980)

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Published by mel - in kunst
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