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24. November 2008 1 24 /11 /November /2008 20:36

Die allgemeine Theorie des Wertes

 

Die Werte des Lebens - was soll diese Aussage bedeuten? Warum tun wir das eine, lassen das andere? Warum finden wir das Leben manchmal schön und ein anderes Mal unerträglich?

Ohne lang zu überlegen fühlen wir, was richtig war, was uns gut tut oder stört. Wir lieben, lassen mit uns manches geschehen, lachen, freuen uns, hassen und verabscheuen. Unsere Emotionen begleiten unser Leben. Sie sind Ausdruck unserer Bewertungen. Wir orientieren uns durch sie und versuchen so unser Leben zu steuern bzw. werden gesteuert.

Halten wir etwas für wahr, dann setzen wir uns dafür ein. Wir sind überzeugt, können manche Gründe angeben, vielleicht sogar Hypothesen oder eine Theorie. Auch wenn uns die Relativität unseres Erkenntnisstandes bewusst ist, so vertreten wir diesen in den Wissenschaften mit der Überzeugung der relativen Absolutheit unseres Wahrheitsanspruches. Auch im Denken sind wir mit uns eins als fühlende und bewertende Menschen. Unverwechselbar sind wir, unwiederbringlich im Tod verlöschende Individuen, jede unserer Wertungen im Leben ist subjektiv besonders, einmalig im Vergleich zu anderen Menschen.

Wir sind eine historische, unverwechselbare Einheit von Körper und Geist, welche nur als gesellschaftliche Individualität existieren kann.

Unsere Gefühle signalisieren uns, dass wir von unseren Wertungen - ob bewusst oder unbewusst vollzogen - als lebendige Einheit von Psyche und Physis betroffen sind. Viele psychophysische Regungen bleiben uns zwar unbewusst, doch auch diese, nicht nur die bewusst gewordenen Emotionen kann man in ihrer psychophysischen Einheit nachweisen. Mimik und Gestik, Muskeln und Nervenbahnen, evolutionär ältere und neuere Gehirnteile sind an unserer Weltorientierung, an unseren Wertungen beteiligt. Anders ausgedrückt: jede Lebenstätigkeit, jede Reaktion des Menschen ist werthaft und betrifft den ganzen Menschen. Dies gilt auch dann, wenn uns die Motive unserer "automatischen" Reaktionsweisen verborgen bleiben.

Nun existiert in der Wissenschaft, insbesondere in den "exakten" Wissenschaften der Mathematik und Physik aber auch in der Ökonomie und in der Psychologie die Auffassung, dass Werturteile dort fehl am Platz seien. Schon Max Weber spricht bekanntlich von den wertfreien Wissenschaften. Gemeint ist hier, dass nicht das subjektive Urteil Maßstab für eine Aussage, Hypothese oder Theorie sein kann, sondern nur die objektiv überprüfbare Wahrheit. Oder, um mit Popper zu sprechen, die Nicht-Falsifiziertheit (Nicht-Widerlegtheit) einer Theorie ist das Kriterium für deren Wahrheit.

Die letztgenannten Aspekte von theoretischer Erkenntnis betonen die gesellschaftliche Reproduzierbarkeit, die jederzeit von anderen Individuen nachvollziehbare Objektivität von Aussagen. Dies entspricht der notwendigen Bedingung von Wahrheit, nämlich gesellschaftlich und nicht nur subjektiv zu gelten.

Die gesellschaftliche Geltung von Erkenntnissen wird übrigens als Maß der Wahrheit allgemein anerkannt. Popper meint die Übereinkunft der "scientific community", andere meinen die gesellschaftliche Reproduzierbarkeit von Experimenten seien die Geltungsgründe für Erkenntnisse. Gemeinsam ist all diesen Ansätzen, dass sie mit dem Maß der gesellschaftlichen Geltung werten.

Bei neueren Erkenntnissen, zum Beispiel der Relativitätstheorie, lässt sich die Umformung von potentieller Wahrheit in geltende Wahrheit über mannigfaltige experimentelle und theoretische Bestätigungen augenscheinlich

Der Allgemeinheit der Fragestellung entsprechend werde ich versuchen, die philosophischen Kategorien einer allgemeinen Werttheorie zu entwickeln, wobei Thesen, die die Einzelwissenschaften betreffen, dort ausgeführt werden. Unter Philosophie verstehe ich hier eine kategoriale Kritik, welche die Erkenntnisse der Einzelwissenschaften verallgemeinert und die Grenzen zwischen Ideologie und Wissenschaft zieht (Althusser).

Erste Annäherung an einen allgemeinen Wertbegriff

Abweichend von der üblichen subjektiven Fassung des Wertes, erscheint es vorteilhafter, den Wert wie folgt aufzufassen:

- Wert ist das subjektive (psycho-physische) Ergebnis einer Wertung, eine psychische Erscheinung

und

- Wert ist ein Handlungsergebnis auf Grund der im Wertungsprozess durchgeführten Entscheidung über Qualität, Quantität und Intensität der Handlung.

Werte werden nach dieser Auffassung subjektiv im Erkenntnissprozess der inneren und äusseren Realität des Subjektes gebildet. Die psycho-physische Erscheinung dieser Werte ist deren emotional-motivationale Qualität. Ausgehend von der Ringstruktur von materiellen Handlungen, welche besagt, dass während der Vergegenständlichung von Handlungen das subjektiv-psychische Konstrukt korrigiert wird und als Korrektiv der Handlung wirkt, objektiviert die Handlung Werte, materialisiert die subjektiven Werte.

Das Subjekt formt mittels seiner wertenden Handlung seine objektive und subjektive Welt - seien es die persönlichen Verkehrsformen, materielle Produkte (Dinge) oder materialisierte geistige Produkte (kommunikative Produkte). Die Handlung wirkt subjektiv wertend und wird subjektiv bewertet, dabei ist es unerheblich, ob der Bewertungsprozess dem Subjekt bewusst wird oder nicht.

Das Ergebnis ist jedenfalls ein materialisierter Wert, ein subjektiver Wert also, welcher nur objektiv gesetzt ist. Dieser Wert muss, um von seiner potentiellen Objektivität zu einer realen Objektivität zu gelangen, seine gesellschaftliche Anerkennung erst erringen. Ein anderes Subjekt, dem der genannte Wert zum Wertobjekt wird, schließt die Kette, in welcher sich der Wert als Orientierungsbeziehung in dieser Welt beweist. Geschieht dies nicht, bleibt der Wert ein subjektiver, ein nur fürs setzende Subjekt geltender Wert - eben ein potentiell objektiver. (Systemtheoretisch könnte man den Wert auch als das dissipative System ausdrücken, welches die informationelle Selbststeuerung des Menschen ermöglicht.)

Ein Ergebnis der bisherigen Überlegungen ist somit klar. Das Subjekt setzt die Werte, indem es sich individuell vergesellschaftet und es erlebt die Werte, indem es die Gesellschaftlichkeit individualisiert.

Die Herausbildung der Werterkenntnis

In der historischen Entwicklung der Menschheit ist die bewusste Wertung, die Erkenntnis der gesellschaftlichen Bestimmtheit des Individuums und der individuellen Bestimmtheit der Gesellschaft ein relativ spätes Ergebnis.

Das Subjekt, welches ein abhängiges Element einer noch-nicht reflektierbaren Gesellschaftlichkeit ist ("primitive Gesellschaften") erlebt die Objektivität des Wertes als Eigenschaft der Dinge, es fasst seine Subjektivität nicht als wertsetzende Kraft.

Der Fetisch ist die Zuschreibung der Werteigenschaft als Eigenschaft der Dinge, die Verdinglichung des subjektiven Wertaspektes.

Der Mythos ist die Subjektivierung der objektiven Geltung von Werten, als Verabsolutierung der Objektivität. Werte erscheinen als Personifizierungen, als Eigenschaften konstruierter Persönlichkeiten ("Götter") oder als personifizierte Objekte (der "gute" Wind).

Auch das individualisierte Subjekt der griechischen Polis, ist insoweit dem Fetisch respektive dem Mythos verfangen, als sich zwar das Subjekt als wertsetzender Akteur erkennt, aber die Gesellschaftlichkeit des Wertes nur abstrakt - entfremdet - fassen kann.

Die Gesellschaft erscheint in der Neuzeit entweder als subjektive Eigenschaft des Individuums im Subjektiven Idealismus oder wie im Objektiven Idealismus als ausserindividuelles Subjekt. Das Subjekt fasst sich in beiden Fällen als gesellschaftliche Totalität, als das Ganze. Dieses Individuum denkt sich als ICH, als isolierte Monade. Die Gesellschaft gilt als System von atomisierten Individuen.

Sowohl im Fetisch als auch im Mythos fällt die notwendige Einheit der Wertaspekte: subjektiv gesetzt zu sein, und objektiv zu gelten, auseinander. Erst das Individuum, welches sich als gesellschaftsbestimmend begreift, kann die widersprüchliche Einheit des Wertes fassen und wird damit zur Persönlichkeit.

Für die weiteren Betrachtungen sei folgendes gesetzt:

- Die Persönlichkeit ist eine in sich historisch gegliederte Gesamtheit, eine in sich widersprüchliche Einheit von Gesellschaftlichkeit und Subjektivität. Ob diese Einheit philosophisch gesehen noch als ich anzusprechen ist, erscheint zweifelhaft. Lediglich der Aspekt der selbst-identischen Reflektierbarkeit des subjektiv und objektiv Realen ist dadurch ausdrückbar. Die Individuum ist eben das "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse". Die Gesellschaft ist ein komplex strukturiertes in sich prozessierendes chaotisches (im Sinne Prigogines) Ganzes, gleichzeitig Voraussetzung und Ergebnis menschlichen Handelns.

Die Identität von Gesellschaft und Persönlichkeit ist insofern philosophisch gesichert und damit kein mystischer Zusammenhang, als die Klammer der Materialität - nicht zu verwechseln mit Dinghaftigkeit - die prozessierende Einheit der beiden selbst prozessierenden Qualitäten (Gesellschaft und Persönlichkeit) in Raum und irreversibler Zeit darstellt.

Die Allgemeinheit des Wertes

Allgemeinheit des Wertes soll hier bedeuten:

a) Der Wert ist eine Kategorie von zeitlicher Allgemeinheit. In allen Gesellschaftsformationen und Epochen ist das menschliche Subjekt eine Einheit von gesellschaftlicher und individueller Existenz.

b) Der Wert ist eine Kategorie von räumlicher Allgemeinheit. Die Werthaftigkeit steuert alle Dimensionen des menschlichen Seins.

c) Der Wert ist eine Kategorie, welche eine innere Komplexität und Dynamik aufweist. Eine Kategorie im Sinne der Einheit des Mannigfaltigen.

Die Kategorie des Wertes ist demnach die abstrakteste, weil von allen konkreten Bestimmungen befreite und die allgemeinste, weil sie das immer und überall gültige Wesen des Menschen ausdrückt.

Die Kategorie Wert drückt den antientropischen Charakter menschlicher Existenz aus, welcher sich in der handelnden, praktischen Realität der Persönlichkeit historisch irreversibel (dissipativ, autopoietisch ...) im dynamischen Widerspruch von menschlichem Subjekt und Gesellschaft darstellt.

Die Kategorie Wert ist eine Beziehungskategorie:

- Welche die intrapersonelle Kommunikation der Persönlichkeit steuert; vereinfacht ausgedrückt: die Kommunikation des Ich mit dem Nicht-Ich, die Kommunikation von Innen und Aussen innerhalb der Persönlichkeit auf der Basis der psychophysischen Realität.

- Welche die interpersonelle Kommunikation der Persönlichkeiten steuert, die zwischenmenschlichen Beziehungen strukturiert.

- Welche die Qualität und Quantität der menschlichen Produkte in der materiellen und geistigen Produktion bestimmt und welche sich in diesen Produkten vergegenständlicht.

- Welche selbstreferentiell das gesellschaftliche System in allen Dimensionen bestimmt und durch die Dynamik und Struktur dieses Systems in seiner Geltung selbst bestimmt wird.

Anders ausgedrückt: das Wesen des Menschen ist das jeweils historische Ensemble der geltenden Werte. Oder anders: das Wesen des Menschen ist das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Persönlichkeit ist die singuläre Partialität dieses Ensembles.

Der Wert ist das Maß für alle Handlungen, die zeitlose Zeit in der subjektiven Reflexion des Alltags, die Besinnung auf das Wesentliche, das Wichtige, das Wert-"Volle". Der Alltag als Zeitkontinuum der Lebenspraxis wird im Wert negiert, zeitlos als Lebensraum der Persönlichkeit aufgespannt. Der Wert ist das Subjektivste des objektiv Realen, er funktioniert nur in der lebenden Persönlichkeit.

Er ist das subjektiv erfahrbare Objektive und das objektiv existierende Subjekt - das aussermittige Subjekt des Menschen, das Fremde und Eigene der Persönlichkeit. Subjektiv wird die Wertebene, das Erlebnis der Bewertung, gerade im Gegenteil der Gerichtetheit, (der historischen Kontinuität) des Lebensprozesses erfahren. Der Erlebnisraum erscheint quasi zeitlos in der subjektiven Absolutheit des vor- und rückwärtsgerichteten Wertehorizontes - ein anderer Ausdruck für das Erlebnis der subjektiven Identität des Individuums. Das Individuum misst mit seiner individuellen Wertewelt, ist sich sein Bezugssystem mit spezifischer Eigenzeit, Struktur und Dynamik.

Das "Ich" negiert sein "Nicht-Ich" und damit seine historische gerichtete Kontinuität, seinen Alltag, um von seinem Standpunkt aus das Werturteil zu fällen. Die Werte als subjektiv-objektive (auch das Bewusstsein hat Realität!) drücken, als Ergebnis individueller Wertung, eine Momentaufnahme des verabsolutierten Standpunktes des Individuums zu der im Wert verkörperten Realität aus. Die Wertung ist so gesehen eine Orientierungstätigkeit auf der Basis von ideellen Konstrukten, welche eine psycho-physische Aktivität des Nervensystems (bis zum "Gedächtnis" von Muskeln) darstellen.

Die Meinung mancher Post-Modernen (Vattimo) kann derart verstanden werden, dass unter dem totalen Gelten des Tauschwertes sich das Sein in Wert (Tauschwert) auflöst. Nur wird nach meiner Auffassung hier der prozessierende Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert (worth und value) in seiner Bewegungsform, dem Tauschwert, ungerechtfertigterweise totalisiert. Unter dem hypostasierten Gesichtspunkt der totalen Geltung des Kapitals ergibt sich dann das "Ende der Geschichte" - ein Mythos des Fetisch wie mir scheint.

Der rationale Kern der eben genannten Auffassung liegt aber darin, dass in den bisherigen Geschichts- und Entwicklungsauffassungen die Finalisierung (ENTWICKLUNG eines gegebenen Wesens), oder die bewusste Machbarkeit der Geschichte behauptet wurde, obwohl gleichzeitig unterstellt war, dass Geschichte nicht nur durch Subjekte erzeugt wird, sondern wesentlich hinter deren Rücken passiert.

Aussagen über gesellschaftliche Ziele, welche diese Zustände als Endpunkte historischer Entwicklung ausweisen, sind dogmatischer Natur. Weder der Glaube an das „Ende der Geschichte" und damit an den immerwährenden Kapitalismus, der Glaube an die revolutionäre Umgestaltung zu einem "Paradies der Arbeiterklasse", sind auf Grund heutiger Einsichten in historische Prozesse aufrecht zu erhalten. Erst recht sind Aussagen, welche das Ziel der historischen Entwicklung der Menschheit formulieren, sei es der Kommunismus, der Kapitalismus ... einer Denkweise verdächtig, welche die Newton'sche Kausalitätsauffassung nicht überwunden haben. Dieser Verdacht gilt auch dann, wenn diese finalen Behauptungen dialektisch "abgeleitet" werden.

Das Wertmaß, seine Verselbständigung und Vergegenständlichung

Jede Wertung bezieht sich auf ein Maß (Maßsystem), welches das Dritte darstellt, mittels dessen Eigenschaften zwei Objekte "verglichen" (gemessen) werden.

Die Persönlichkeit ist als gerichtetes gesellschaftliches Subjekt das Ergebnis ihres Vergegenständlichungs- und Aneignungsprozesses der jeweils gegebenen Werte. Über die praktische Aneignung des gesellschaftlichen Wertesystemes bildet die Persönlichkeit ihren Wertefundus und damit das subjektive Maßsystem für den Wertungsprozess. "Gemessen" werden die aktuelle Intention (in Form von Emotionen, Begriffen, Vorstellungen, Einstellungen ...) und die objektivierbaren Anforderungen in deren subjektiven/reflektierbaren ideellen Konstruktformen.

Auf Grund der Partialität des jeweiligen individuellen Weltzusammenhanges bleibt auch das angeeignete und individuell assimilierte Wertesystem partiell und damit relativ, bezogen auf die gesellschaftliche Totalität. Im persönlichen Wertesystem drückt sich damit, quasi als Schnittpunkt der gesellschaftlichen und individuellen Gerichtetheit, die widersprüchliche, plurale Einheit der Persönlichkeit aus. Die Persönlichkeit ist die wertsetzende Kraft in einer objektiv gesetzten Werte-Welt, diese ist immer schon eine bewertete Welt. Im subjektiven Wertefundus (Wertesystem) zeigt sich die Stellung der Persönlichkeit zur subjektiven Realität als produzierter und zur Gesellschaftlichkeit als objektiv gegebener (das Andere). Die Erkenntnis des scheinbaren autopoietischen Charakters der subjektiven Realität führt zum Begriffe des "Selbst" bzw. des „Sich". Das Andere ist dem Subjekt nicht äusserlich, sondern die Differenz des Ichs mit Verweisen auf die als objektiv erkannte Realität des Aussenwelt. In diesem Sinn kann man den Körper, das Geschlecht, die Natur als das Andere des Ichs interpretieren. Dieses Andere stellt die Projektionsfläche des Ichs dar. Kommunikationsstörungen finden sich als Symptome der Projektionsfläche wieder. Als fixierte, somatisierte Projektionen beeinträchtigen sie über die psychosomatischen Störungen die inter- und intrapsychische Kommunikation.

Die Gesellschaftlichkeit der Realität, ist die als Wert gesetzte Realität. Umgekehrt ist die Gesellschaftlichkeit das gerade wirkende System des Wertes als Ergebnis individuell-gesellschaftlicher Praxis (Wertsetzung). Mit Foucault ist die bewertete Welt das machtmäßig bestimmte Wirkungsgefüge der Gesellschaft. Das heißt, dass die Persönlichkeit ihr Maß in der jeweils individuell produzierten Gesellschaftlichkeit findet im Verweis auf die existierende Welt der Werte.

Verselbständigung und Vergegenständlichung des Wertes

Die synkretische Einheit des Wertes, welche uns in der tradierten Welt der Griechen besticht, hat sich in unterschiedliche Dimensionen mit jeweils eigener Dynamik differenziert. Der Wert als Ganzes ließe sich vielleicht als Tensor (multidimensionaler Vektorraum) denken, als mehrdimensionale Raum-Zeit. Ein Grund für diese Metapher: damit lässt sich ausdrücken, dass die historische Zeit in den jeweiligen Gesellschaften und die subjektive Zeit different durch Qualität, Quantität, Intensität der Werte und Wertedynamik bestimmt wird. Auch lässt sich mit der Mehrdimensinalität darstellen, dass die unterschiedlichen Dimensionen des Wertes eine Einheit bilden, in welcher eine Dimension die Dynamik beherrschen kann.

Die Kategorie des Wertes ist also relativistisch (in Analogie zur Relativitätstheorie), da das Wertesystem einerseits die Entwicklung des gesellschaftlichen Systems bestimmt, aber auch durch die Systemqualität selbst bestimmt wird. Über die Werte bestimmt sich die Aktivitätsrichtung und - intensität des Individuums und die Persönlichkeit setzt die Werte. Folgende Wert-Dimensionen haben sich ausdifferenziert und relativ verselbständigt, weshalb man sie auch Wertarten nennen könnte:

- verwandtschaftliche/ethnische

- ökonomische

- ästhetische/künstlerische

- ethisch/moralische

  • religiöse (welche als synkretische Einheit anderer Dimensionen erscheint)

- wissenschaftliche

- politische

- utilitaristisch/technische

- ökologische (meist als neue synkretische Einheit formuliert).

Die jeweilige praktische Vergegenständlichung, und nur in dieser werden Werte gesellschaftlich wirksam, entwickelte mit der sich verselbständigenden Systembildung (Traditionen, Institutionen und Mittel) in den jeweiligen Dimensionen ein spezifisches Maß (Maßsystem). Die Vergegenständlichung/Institutionalisierung des Maßsystems der jeweiligen Dimensionen und deren Wirkungsgefüge im übergeordneten Maß des Wertes als Gesamten ist ein spontanes Ergebnis der Vergesellschaftung der Mensch.

Die Vergegenständlichung des Wertes ist notwendig, weil:

- in dieser vergegenständlichten Form die Verallgemeinerung tradierbar ist (Wertestandards/Maßstäbe);

- die Gesellschaftlichkeit von Handlungen/Wertungen als solche nicht unmittelbar erkennbar ist;

- ein vergegenständlichtes Maßsystem individuell aneigenbar und als Maß anwendbar ist.

Der verwandtschaftlich/ethnische Wert

Wesentliches Maß scheint das System der Gewichte der Verwandtschaft, die daraus sich ergebenden Rechte und Pflichten der Gruppenmitglieder (Älteste, Vater, Bruder, Mutter, Kinder, Erwachsene, Frauen, Männer etc.) zu sein.

Der ökonomische Wert,

welcher vor allem mit der ästhetischen und utilitaristischen Dimension in der Ware eine dominierende Einheit bildet, verselbständigte sich im Maß des Geldes und dessen Erscheinungsformen (Kredit, Kapital). Das Geld ist die Vergegenständlichung des Maßes des ökonomischen Wertes, dessen Maß wiederum die abstrakt gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit ist. Bestimmt wird der ök. Wert durch die Konfiguration der Produktionsverhältnisse und der Produktivkräfte einer Produktionsweise.

Der ästhetische Wert

ist die Dimension der sinnlich genießbaren Form, subjektiv: des Geschmacks, welche im Design mit dem utilitaristischen Wert und im künstlerischen Wert mit der Dimension des kritisch/affirmativen Selbstgenusses des subjektiven Wertefundus verbunden ist. Nur soviel zum Verständnis der implizierten Maßauffassung: Die adäquate Form des ästhetischen Wertmaßes (Messmittel) ist das gegenständliche Modell. Es ist nicht mit seiner dinglichen Existenz zu identifizieren, denn die "geronnene" Werthaftigkeit ist seine Bedeutung. Klar ist ja auch, dass die Werte (jetzt als Elemente der Wertart) nicht als isolierte existieren, sondern, dass sie innerhalb der jeweiligen Wertart ein komplex-dynamisch widersprüchliches System bilden. Die Werte existieren einerseits als aktuell wirkende nur in den "Köpfen" der Menschen - werden emergiert - sind aber andererseits über die Formung der Realität erkennbar. Werte sind die Humanattributierung der Realität.

Der künstlerische Wert

Ein Beispiel für ein spezifisches gegenständliches Maßsystem ist das System der Kunstwerke. Seine Grundqualität, Dimension, ist der Wert des gesellschaftlich/ individuellen Subjektes selbst, die Werthaftigkeit der Persönlichkeit in allen ihren Dimensionen. Das Modell (der Simulator, Klossowski) drückt über die Individualität ("Das Besondere" bei Lukacs) das Allgemeine (gesellschaftlich Bedeutsame) doppelt aus: erstens durch den erkennbaren Autor (die transgrediente Wirkung des Autors ist der erklärte oder implizite Wertefundus, welcher über das Werk hinaus geht und nur interpretierbar ist, Bachtin), zweitens durch die Vergesellschaftung und damit das In-Wirkung-Setzen des Werkes.

Diese Beziehungen des Werkes: Allgemeine (gesellschaftlich) Werthaftigkeit des Subjektiven realisiert im Individuellen (Einmaligkeit des Kunstwerkes) entsprechen strukturell der intrasubjektiven Kommunikation. Das rezipierende Individuum wertet sich und das Modell (Kunstwerk) in der Konsumation (Simulation des Simulacrums), wobei ein spezifischer Erlebnisraum über das Mittel: Kunstwerk aufgebaut wird. Dieser Erlebnisraum ist letztlich fürs Gesamtsystem der Kunstwerke betrachtet: die soziale Welt (Benjamin). Im Konsumationsakt, welcher je nach subjektiver Kommunikationsstruktur, mehr oder minder reflektiert konstruktiv oder spontan ablaufen kann, findet ein Akt des Messens und Umbewertens der subjektiven Realität innerhalb der intrasubjektiven Kommunikation statt.

Der eigene Wertefundus spielt hiebei die Rolle des geformten Rohstoffes und der Methodik (Genuss- und Kritikfähigkeit), das Kunstwerk die des Mittels / Werkzeuges / Maßes. Das Ergebnis ist der Selbstgenuss als Genuss der gesellschaftlichen Individualität der RezipientIn. Dieser Genuss ist jedoch auch verbunden mit der Kritik des Werkes als Maß der dargestellten Realität und über die interpersonelle Kommunikation auch der dargestellten Realität und der geltenden Werte selbst. Die Architektur des Werkes erweist sich der intrapersonellen Kommunikation angemessen, respektive ist sie formendes Werkzeug der Rezeption.

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