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23. November 2008 7 23 /11 /November /2008 14:42

Ästhetik und Kunst 

Doppelcharakter einer Wertbildung

 

"... meine ästhetische Tätigkeit liegt nicht in der speziellen Tätigkeit als Autor und Künstler,

sondern im einzigen Leben, das nicht frei von nicht-ästhetischen Momenten und nicht

differenziert gegenüber diesen ist, das in synkretistischer Weise gleichsam den Keim

des schöpferischen plastischen Abbilds in sich birgt ..."

M. Bachtin: Autor und Held

"...denn dies ist ja das Wesen der Zeit, daß wir uns fortwährend entwerfen, aus den

Augen verlieren, auf neue Art wiederfinden ..."

P. Weiss: Ästhetik des Widerstands

 

Im Rahmen seiner gegenständlichen Tätigkeit bewertet der handelnde Mensch die Welt und erfährt diese als eine von ihm bewertete. Der Mensch existiert aber nicht als ein Vereinzelter, die Werte mit denen er es zu tun hat, sind vielmehr gemeinschaftlich entstanden und haben Geschichte; - kurz, es handelt sich um gesellschaftliche Werte, - und zwar um vergegenständlichte, objektive. Der Wertungsprozeß ist dabei als Ausdruck menschlicher Subjektivität der gegenständlichen Tätigkeit bereits implizit, zugleich ist er auch gesellschaftlich ein unmittelbar kommunikativer Akt.

Tätigkeit und Kontemplation

Gegenüber dem produktiv tätigen Menschen erleidet der Mensch, der sich kontemplativ der" reinen" Anschauung widmet, ein zwar der unmittelbaren Tätigkeit enthobenes Schicksal, er erfährt seine Welt aber ebenfalls als eine bewertete, - allerdings passiv. Anschauung entsteht nämlich erst durch Extrapolierung aus Tätigkeit und ist in ihrer, durch die Distanz gegenüber der unmittelbaren Handlung verallgemeinernden Funktion auch die Grundlage von Erkenntnis. Anschauung übernimmt einerseits die im Handlungsprozeß der gegenständlichen Tätigkeit realisierten Werte und stellt sie in einen allgemein vermittelnden Zusammenhang, andererseits vollführt sie dabei als die "zurückgenommene" Tätigkeit des Anschauens selbst eine besondere Wertung, die ästhetische. In diesem Fall bildet dann die Sinnestätigkeit als ein einheitliches Ganzes das besondere Reverenzsystem der Wertung. Die Grundlage der ästhetischen Wertung ist die am Objekt sich vergegenständlichende Sinnlichkeit. Wenn diese Sinnlichkeit auch nur individuell realisiert werden kann, so hat sie doch objektiven Charakter und kann damit über Objekte als ihre gegenständlichen Produkte kommuniziert und tradiert werden.

Vorgelagerte Funktion der ästhetischen Wertung

Unter diesem Aspekt wäre die in den Anschauungsprozessen vollzogene ästhetische Wertung allen weiteren Wertungen, wie etwa der ethischen oder kognitiven, gewissermaßen vorgelagert. Dies könnte auch die, für die menschliche Realität universelle Zuständigkeit der Ästhetik erklären, welche durch keinen, auch noch so abstrakten Funktionalismus der Handlung geleugnet werden kann: Der ästhetischen Dimension unseres Lebens ist nicht zu entkommen!

Der universelle Charakter der ästhetischen Wertung wird in seiner Tragweite aber erst vollends erfaßt, wenn man bedenkt, daß Anschauung nicht nur als eine "reine" artifiziell existiert, sondern bereits alle gegenständliche Tätigkeiten selbst schon durchdringt. Gerade die Gegenständlichkeit der Tätigkeit ist es nämlich, durch die das darin ausgedrückte Gegenüberstellen von Subjekt und Objekt ein Distanzphänomen in den Handlungsablauf einbringt, welches dem Subjekt eine Orientierung über zwischengeschaltete Anschauungsprozesse abverlangt und ermöglicht. - Der Mensch wertet also in allen seinen Tätigkeiten auch ästhetisch, ob er dies nun will oder nicht. Ebenso findet er, gesellschaftlich bedingt, eine ästhetisch bewertete Welt vor und muß sich in diesem Wertesystem bewußt oder unbewußt zurechtfinden. Damit ist das Ästhetische zugleich als eine allgemeine und objektive Eigenschaft der vom Menschen angeeigneten, wie produzierten Realität bestimmt.

Ästhetische Wertung als unmittelbar sinnliche Orientierung

Im Gegensatz zur kognitiven und ethischen Wertung dient die Funktion des Ästhetischen der unmittelbar sinnlichen Orientierung des Menschen, emotionale Prozesse strukturieren diese. Auf beiden Seiten der durch die ästhetische Wertung bedingten sinnlichen Orientierung entsteht ein einheitliches sinnliches Ganzes, ein sinnlich einheitliches Subjekt wie ein sinnlich einheitliches Objekt. Beide bestimmen sich im Wertungsprozeß gegeneinander: das menschliche Subjekt und seine sinnlich "produzierte" Welt. Diese sinnlich produzierte Welt dient darüber hinaus als Material für weitere, auf ihr basierenden Wertungen, etwa der kognitiven oder der ethischen.

Mit Blickrichtung auf die Seite der Objekte, die gegenständliche Welt, läßt die ästhetische Wertung die Form der Objekte als Wert erscheinen, die Welt erscheint geformt, - und zwar in Bezug auf die gegenständliche Tätigkeit, auch notwendig geformt, strukturiert.

Der Mensch realisiert im Alltagsleben sein unmittelbar sinnliches - ästhetisches - Verhältnis zur Welt zumeist unbewußt, das Bewußtsein könnte hier den unkomplizierten Ablauf der meisten Handlungen auch nur stören. Besonders stark ist daher auch die automatisch ablaufende Fixierung der ästhetischen Bewertung an das Objekt, es erscheint unmittelbar sinnfällig geformt. Üblicherweise werden also die im Rahmen der Tätigkeit realisierten ästhetischen Bewertungen nicht voll im Bewußtsein ausgewiesen, sondern gehen unmittelbar in die aktiv tätige Auseinandersetzung mit der Struktur der Objekte ein. Abstrahiert man aber von der die gegenständliche Tätigkeit des Subjekts bestimmenden Form des Objekts, von der Struktur, so entsteht im Bewußtsein das, was man heute landläufig mit ästhetischer Form bezeichnet, die Form der Form als sinnliche Oberfläche: Ästhetizismus. Darauf kann jedoch erst nach Darlegung der künstlerischen Wertung näher eingegangen werden.

Künstlerische Wertung als besondere Wertung

Die künstlerische Wertung bezieht sich ebenso wie die ästhetische auf die Gesamtheit der menschlichen Sinnestätigkeit als ein einheitliches Ganzes. Gegenüber dem implizit allgemeinen, ja universellen Charakter der ästhetischen Wertung der Welt handelt es sich bei der künstlerischen Wertung um eine besondere. Diese besondere Funktion der künstlerischen Wertung ist aber nicht auf eine Einschränkung des objektiven Gegenstandsbereiches der Kunst zurückzuführen, die Kunstwürdigkeit ist nicht auf einen bestimmten Bereich der Welt beschränkt. Der Gegenstand der Kunst ist vielmehr mit dem der Ästhetik ident, zum Objekt der Kunst können alle ästhetisch bewertbaren Objekte werden, somit alle Welt.

Der von der ästhetischen prinzipiell zu unterscheidende besondere Charakter der künstlerischen Wertung liegt demgegenüber auf der subjektiven Seite des Wertungsprozesses. Das Spezifische an der künstlerischen Produktion ist nämlich nicht die Erzeugung des Kunstwerkes als die eines ästhetischen Objekts, denn ästhetisch sind letztendlich alle Objekte. Es handelt sich vielmehr um die Vergegenständlichung des aktiven Subjekts und seiner Welt auf derselben sinnlichen Seinsebene, mit anderen Worten: die Sinnlichkeit des Subjekts wird am Kunstwerk bewußt hinterfragbar dargestellt.

Sinnlichkeit des Subjekts als Thema der Kunst

Im täglichen Handlungsvollzug erscheint das - immer auch ästhetisch - aktive Subjekt sich nicht selbst in seiner sinnlich gegenständlichen Dimension, auch die Objekte werden gleichsam im Handlungsvollzug "aufgelöst", - darauf wurde bereits hingewiesen. Erst durch das Setzen des "Anderen" im Subjekt selbst, das heißt, erst dadurch, daß der Künstler sich selbst ein Wertzentrum entgegensetzt, das projektierte Kunstwerk, wird eine bewußte Bearbeitung, Umformung und Reflexion der Sinnlichkeit des Subjekts und seiner sinnlich produzierten Welt möglich. Damit wird die Sinnlichkeit des Subjekts zum eigentlichen Thema der Kunst. In der Realisierung des Kunstwerkes (das heißt: Produktion und Rezeption) werden über das Werk die Grenzen der sinnlichen Fähigkeiten des Subjekts für sich selbst erkennbar und erweiterbar. In ihrer Funktion als praktische Kritik an der eigenen ästhetischen Orientierung und Gestaltungsfähigkeit stellt die auf das Aktuelle bezogene Aneignung der künstlerischen Tradition das grundlegende Mittel zur Überwindung der individuell subjektiven Beschränktheit des Künstlers dar. In der künstlerischen Tradition sind, wie in jedem Produkt, nicht nur die Ziele, sondern auch die Methoden ihrer Realisierung vergegenständlicht.

Der Künstler ist ein Spezialist des ästhetischen Wertes. Daher ist die "Wahrheit" des Kunstwerkes vom Wertesystem des Künstlers, von dessen Erkenntnis und Gestaltungskraft, sowie von der vorgefundenen ästhetischen Realität abhängig. Gleichzeitig geht das Kunstwerk selbst als ästhetisches Produkt in das ästhetische Wertesystem ein und wird als Wert am - gemeiniglich unausgesprochenen - ästhetischen Ideal objektiv relativiert.

Produktiver Kunstkonsum

Der Kunstkonsument rezipiert im Kunstwerk seine eigene Sinnlichkeit, er findet das gesellschaftlich ästhetisch geformte Objekt auf der Ebene einer Nichtalltäglichkeit, der künstlerischen Werthaftigkeit. In entwikelter Form ist daher der Kunstkonsum ein erweiterter Selbstgenuß, der sich der Spannung zwischen Künstler und Werk über die Aneignung des Werkes bewußt wird und nicht in ein passives Illusionieren versinkt. Kunst ist ein unverzichtbarer Bestandteil in der sinnlichen Subjektentwicklung. Beide Positionen, die des Kunstproduzenten und die des Kunstkonsumenten, weisen daher einen primär sinnlich produktiven Charakter auf, den des aktiven Subjekts.

Verkürzt kann die Funktion der Kunst gegenüber der Ästhetik also dahingehend bestimmt werden, daß die Kunst im Rahmen des gesellschaftlich gebildeten, aber unmittelbar sinnlich realisierten Orientierungsprozesses des menschlichen Individuums spezifisch der Subjektentwicklung dient. Ästhetik ist demgegenüber in einem selbigen Wertverhältnis primär mit der allgemein sinnlichen Organisation der Objektwelt befaßt.

Funktion der Ästhetik als Kategorie der Praxis

Gegenüber der hier dargestellten, unmittelbar systematisch praktischen Funktion der ästhetischen Wertung sieht die landläufige Meinung darin ein zwar auch im Alltagsleben relevantes, aber die menschliche Tätigkeit nur begleitendes, also ein von der eigentlichen Handlungsfunktion abgesetztes Phänomen. Diese Fehlmeinung scheint ihre Wurzeln in dem bereits beschriebenen Distanzierungsmechanismus von Anschauungsprozessen während des Handlungsvollzuges selbst zu haben. Dieser Mechanismus ist aber nicht sekundär, sondern dient einer unmittelbar sinnlichen Orientierung des tätigen Subjekts, ist also unmittelbar mit der Tätigkeit selbst verbunden. Daher müssen sich diese Anschauungsprozesse - in ihrer besonderen Funktion sinnlich einheitliche Objekte zu produzieren - auf die für den Handlungsablauf notwendige innere Form, die Struktur beziehen. Zugleich ermöglicht erst die Anschauungsdistanz, die momentane Abstraktion von der aktiven Tätigkeit, die Struktur als für die Tätigkeit veränderbar zu erfassen.

Die Funktion ist aber nicht das determinierende Kriterium der Ästhetik, das wäre ästhetischer Funktionalismus. Vielmehr ist die ästhetische Wertung als Ausdruck der primären Identifikation sinnlicher Objekte jeglicher funktionalen Wertung vorgelagert. Ästhetik darf dann aber auch nicht von der Funktion der gegenständlichen Tätigkeit und ihrer Objekte abstrahieren, das würde die Degradierung des Gegenstandes der Ästhetik, der Form, zur sinnlichen Oberfläche bedeuten. Die Adäquanz der durch die Ästhetik bewirkten, primär sinnlichen Orientierung beruht unmittelbar auf der menschlichen Lebenspraxis als einer gegenständlichen Tätigkeit, sie ist dafür notwendig und somit auch für die Funktion wie für die Ziele der Tätigkeit maßgeblich. Ihre Kriterien werden vom Menschen unmittelbar praktisch entwickelt, sie erfahren ihre Veränderung direkt im Stoffwechsel der Praxis.

Reine Ästhetik als Ästhetizismus

Das nicht aktiv handelnde, rein anschauende Subjekt ist dem gegenüber darauf angewiesen, die sinnlich-ästhetischen Momente der Handlung von außen zu rekonstruieren. Es kann sich leisten, von der unmittelbaren Handlungsfunktion abzusehen, die sinnlich faßbare Form als willkürliche zu genießen. Diese fälschlich so "rein" vermutete ästhetische Form ist aber dann nichts anderes als die - schon erwähnte - (abstrakte) Form der Form, die sinnliche Oberfläche. Reine Ästhetik gerät also zum Ästhetizismus. Unter diesem Aspekt ist eine handlungsadäquate Form, die auch historisch ursprünglich als "gute" Form gefordert wurde, ästhetisch irrelevant geworden, - es muß hier nur noch eine negative Abgrenzung gefunden werden: Die Form darf der Funktion nicht widersprechen. Mit den dabei verlorenen, primär inneren Bewertungskriterien (vergleiche: "Gute Form") sind jedoch von Außen herangetragene Kriterien als Ersatz notwendig.

Derartige Kriterien sind uns allen geläufig, in ihrer einfachsten Erscheinung verweisen sie als Schön-Häßlich auf sinnliche Unmittelbarkeit. Daß diese Kriterien sich aber historisch über die Auseinandersetzung mit Kunstwerken, also primär als künstlerische Wertungen herausgebildet haben, wird dabei verschleiert. In Bezug auf die Alltagsästhetik sind dies jedoch Rückprojektionen aus dem Bereich des Künstlerischen, die ihre scheinbare sinnliche Unmittelbarkeit der Gewöhnung an Kunst und dem damit verbundenen Bewußtseinsabbau verdanken. Beispielsweise sind nämlich das Schöne, Erhabene, Tragische, Häßliche, Niedrige, Komische, und dergleichen nur begriffliche Kürzel für verschieden herausgebildete Kriterien in der Entwicklung sinnlicher Subjektivität durch die Kunst.

"Künstliche" Unmittelbarkeit der Alltagsästhetik

Wie bereits gezeigt wurde, ist aber Kunst ohne subjektiv-produktive Auseinandersetzung nicht in ihrem spezifischen Inhalt anzueignen, denn es geht um den, über das Kunstwerk vermittelten sinnlichen Selbstentwurf des Menschen. Künstlerische Wertung ist nicht bewußtlos, etwa suggestiv zu übermitteln und steht damit im Gegensatz zur ästhetischen Wertung, mag diese strukturadäquat sein oder nicht. Werden aber die derart gesellschaftsgeschichtlich gebildeten künstlerischen Wertungskriterien als sinnlich unmittelbare in die Alltagsästhetik übernommen, so folgt daraus, daß damit das Alltagsobjekt gleichsam als Kunstwerk bewertet wird, wenn auch ohne die Mittel des Kunstverstehens.

Aufgabe der Kunst ist es sicherlich, die Sinnlichkeit des Menschen zu entwikeln. Es ist daher klar, daß über Kunst auch das ästhetische Bewertungsvermögen des Menschen im Alltag entwickelt wird. Dies kann jedoch nicht durch Profanierung abstrakt aus dem künstlerischen Wertungsprozeß herausgestellter Kriterien erfolgen, Sinnlichkeit kann nicht suggestiv entwickelt werden. Die Sensibilität des Menschen muß vielmehr durch eine künstlerisch aktive, rezeptiv-produktive Tätigkeit erst geschaffen werden. Nur so wird der Mensch befähigt, dem Alltag sinnlich adäquat zu begegnen und eine Welt aus sinnlich adäquaten Objekten, eine menschliche Welt, zu schaffen.

Ästhetik im Kapitalismus

Die Herausbildung der heute im Kapitalismus vorherrschenden ästhetischen Sichtweise, des Ästhetizismus, hat ihre spezifisch historischen Wurzeln. Sie basiert letztlich auf der spezifisch gesellschaftlichen Entwicklung der gegenständlichen Tätigkeit als materieller Produktion. Das darf jedoch keineswegs dahingehend verstanden werden, daß den verschiedenen Epochen der materiellen Produktion unmittelbar eine bestimmte Ästhetik, geschweige denn eine bestimmte Kunst zuzuordnen sei. Trotzdem liegt hier ein spezifisch vermittelter Zusammenhang vor, wofür gerade das werttheoretische Instrumentarium den dafür erforderlichen analytischen Zugang zu liefern vermag.

Es wäre aber vermessen im Rahmen dieser Abhandlung auch nur andeutungsweise eine geschichtliche Entwicklung ästhetischer und künstlerischer Werte darlegen zu wollen. Dies ist vielmehr eine erst wissenschaftlich zu bewältigende Aufgabe, sie darf aus der allein strukturanalytischen Sicht nicht präjudiziert werden.In der Folge kann daher auch nur ganz allgemein und hypothetisch auf die historisch entstandene Vermengung von ästhetischer und künstlerischer Wertung eingegangen werden.

Historische Hypothesen

Wegbereiter für die Herausbildung der heute ästhetisch vorherrschenden Sichtweise im Kapitalismus dürfte weniger die Alltagsästhetik selbst, als vielmehr die Kunstauffassung in den vorkapitalistischen Epochen gewesen sein. Rückübertragungen künstlerischer Wertungskriterien in die Alltagsästhetik scheinen dafür eine maßgebliche Rolle gespielt zu haben. Bereits in den vorkapitalistischen Epochen, zuletzt im Feudalismus, erreichte die Abgrenzung der Kunst von der alltäglichen materiellen Produktion einen Höhepunkt. Die Kunst bediente hier eine am unmittelbaren Produktionsprozeß nur kontemplativ interessierte "Herren-Sinnlichkeit", das sinnliche Drama der anschauenden Passivität wurde abgehandelt. Gerade diese Abgrenzung der Kunst aber, die Illusion des Elfenbeinturms, bewirkte auf der Seite der Produzenten eine ungeheure Entwicklung und Entfaltung der Sinnlichkeit des menschlichen Subjekts, die ihresgleichen in der Arbeiterkunst immer noch sucht. Als Abstraktionen aus dem künstlerischen Wertungs- und Wertbildungsprozeß entstanden jedoch auch begriffliche Kürzel künstlerischer Werte, wie etwa das Schöne, Erhabene, Tragische, Häßliche, Niedrige, und dergleichen, welche auch ohne sinnlicher Reflexion, gleichsam als Schablonen, an die sinnlich erfaßbare Objektwelt angelegt werden und Allgemeingültigkeit beanspruchen konnten.

Warenästhetik und Kunst

Kapitalistische Produktion ist Warenproduktion. Sowohl der produzierende Arbeiter als auch der Warenkonsument steht der in der Ware vergegenständlichten Tätigkeit heute fremd gegenüber. Der "schöne Schein" der Warenwelt - Warenfetischismus - bildet bekanntlich den Ersatz für die produktive Aneignung dieser sinnlichen Objekte, darüber wurde bereits zur Genüge berichtet. Eine Ästhetik, die eine derartige Ersatzhandlung, oder besser: Ersatzanschauung, zu bewerkstelligen hat, kann sich nicht direkt aus der Sinnlichkeit unmittelbar tätiger Produzenten herleiten. Es bedarf hiezu eines Umweges über die Kunst, und zwar über eine Kunst, welche eine kontemplative Sinnlichkeit bedient. Als Ersatz für die in der Alltagsästhetik der tätigen Produzenten wirksamen, der inneren Form der sinnlichen Objekte entsprechenden Werte, müssen für eine nur mehr der äußeren Form verpflichteten Ästhetik (Ästhetizismus) die schon erwähnten abstrakt verwendeten künstlerischen Kriterien (Schablonen) herhalten, welche darüber hinaus noch sinnliche Unmittelbarkeit suggerieren. Damit sind natürlich zugleich auch die Grenzen zur Kunst verwischt, alles wird heute von uns derart " künstlerisch" bewertet. Leider heißt das aber nicht, daß für uns bereits alle Objekte kunstfähig geworden sind, es handelt sich nämlich keineswegs um eine aktive, sinnlich produktive Aneignung der Welt.

Kunst und Ästhetik

Worum es sich hier handelt, ist lediglich die suggestiv unbewußte Annäherung an das entfremdete Objekt unter Verwendung universeller künstlerischer Wertklischees, - noch dazu unter der Selbsttäuschung einer sinnlichen Unmittelbarkeit. Diese kryptische Form künstlerischer Wertung, die nicht der sinnlichen Reflexion des aktiven Subjekts am Objekt - als der eigentlichen Funktion von Kunst - dient, muß heute dazu herhalten, uns über unsere entfremdete Welt auch im Alltag hinweg zu täuschen. Durch die Suggestion sinnlicher Unmittelbarkeit wird aber zugleich auch jede Fähigkeit zerstört, die besondere sinnliche Wertung in der Kunst selbst wahrzunehmen. Passives Illusionieren am mystifizierten Objekt, dem Fetisch Kunstwerk, soll im Rahmen des herrschenden Kulturbetriebes dem unbedarften Kunstrezipienten bedeuten, daß Kunst unmittelbar zu haben sei.

Diesem Diktum des Kulturbetriebes hat sich schließlich auch noch der Kunstproduzent selbst zu beugen. Jeder Versuch, der einfachen Dienstleistung am Rezipienten des öffentlichen Kulturbetriebs zu entkommen, endet für den Künstler bekanntlich im Ghetto avantgardistischer Outsiderkunst (z.B.: brut art). Da wir aber wissen, daß einzelne Versatzstücke aus dem Fundus der Avantgarde immer auch vom späteren Kulturkonsummittelvertrieb vereinnahmt werden, ist nicht die öffentliche Wirkungslosigkeit der Outsiderkunst als solche vordringlich zu beklagen. Für den Künstler liegt das Problem vielmehr darin, daß er auf Grund der heute unser Leben durchdringenden Trennung von Produktion und Konsumption, welche schließlich auch jeden produktiven Konsum im Alltagsleben unmöglich macht, aus diesem Alltagsleben selbst einfach ausgegliedert wird. Seine gesellschaftlich aktive Antwort darauf, die künstlerische Produktion, kann aber gerade diese Kluft nicht überwinden. Im Gegenteil, jedes neue Werk vergrößert die Kluft, denn indem es die vom öffentlichen Konsum verselbständigte Produktion miterzeugt, unterliegt sie einer eigenen Mystifikation: Das Kunstwerk wird zum Fetisch "reiner" Produktion, jegliche Konsumption ist irrelevant. Gebannt durch diese Selbsttäuschung verfällt der Künstler schließlich der erhabenen, aber damit fruchtlosen "Illusion des unverstandenen Künstlers", - der Kreislauf des Scheiterns eines "richtigen Lebens im falschen" schließt sich.

 

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