Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 18:41

Katastrophen die sozialen Entwicklungsmöglichkeiten und Dynamiken selbstreferentiell und

fremdreferetiell (Natur-Einflüsse) bestimmen.

Alle realen Entwicklungen (besser Geschichte der..) scheinen quasi als sozialer Automat unabhängig

vom Menschen zu funktionieren, das ist jedoch dem falschen Schein der entfremdeten Erkenntnis

geschuldet, die Menschheit ist der Demiurg ihrer sozialen Entwicklung – es gibt keinen Freispruch,

kein stellvertretendes entschuldendes Opfer.

 

Der postmoderne „Virtuelle Realismus“ als kritische Überwindung des Modernen Formalismus

„zwei Brüche“ : der erste, die Moderne einleitende Bruch, ist der ‚Bruch mit dem Abbild und der Referentialität’, die ‚Entgegensetzung von vormoderner und moderner Malerei’, die sich um den ‚Gegensatz zwischen Funktionalität und Autonomie’, zwischen ‚Referentialität und transzendenter Ordnung’ herum anordnete. Der zweite, die Moderne überwindende Bruch, der Bruch mit der Abstraktion und Konkretion, wurde der Gegensatz von moderner und postmoderner Malerei, der sich um die Achsen Desillusionierung und Refiktionalisierung dreht . Zwischen den heterogenen Wissensformen, Medien, Stilen soll ein geistiger Waffenstillstand, ein scheinhafter Frieden der Simultaneität, ein ästhetischer Balanceakt des konkurrenzhaften, marktwirtschaftlichen Zugleichseins herrschen. Die Verabschiedung jeder Orientierung, die auf Ausschließlichkeit des eigenen Anspruchs besteht und sich monoman gebärdet, greift auch dem Geschichtsprozess vor, der weder gänzlich mit dem technologischen Fortschritt konform verläuft, noch Außenseiterpositionen und Oppositionen zum neuartigen Stil-, Medien und Kulturpluralismus verunmöglicht.

Die wesentliche Erkenntnis, dass ein privilegierter Ort, ein privilegiertes Subjekt, eine privilegierte Klasse oder Ideologie als Begründung eines hegemonialen Kunst-Wissens angenommen werden kann, ist nicht idealistisch oder weltfremd, eben weil sie die machtmäßige, materielle Privilegierung der herrschenden Eigentümer nicht außer Acht lässt.

Die affirmativen Beschwörungen der Kunstideologen wollen, dass sich alles der postmodernen Ideologie des prinzipiellen Pluralismus beugt. Diese scheidet alles aus was  sozial und kulturell Antinomische ist, was das Unvereinbare zwischen technologisch fortgeschrittener Rationalität und den regressiven, untechnologischen, neoromantischen Kodierungen der Gegenwartskunst durch Mythos, Religion, Eros, Wahnsinn, Tod ausmacht.

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Gerhard ABA , Lisa Bufano 2005, Foto, 200x120 cm

 

Dagegen wendet sich zurecht Jürgen Habermas und bindet seine Hoffnung auf das Fortsetzen des nach dem zweiten Weltkrieg stagnierenden Projekts der Moderne nicht an die unverbindliche Kollektion so vieler paralleler, heterogener Ansätze, sondern fordert ihre versöhnliche Auseinandersetzung unter der Kompetenz der selbstkritischen Vernunft, ihren trotz allem nicht aus den Augen zu verlierenden Selbstreinigungsprozess. Damit wird aber Habermas dem apostrophierten «Eigensinn der kulturellen Moderne» nicht gerecht und die antinomische Struktur der Moderne, ihr Dissenscharakter, die Tendenz zur Divergenz und Differenz (Deleuze) werden abermals verfehlt.


Das refiktionalisierte Bild
Die Postmoderne ist die „ästhetische Neubesetzung der Fiktion“. Die Kunst den ‚Bindungen des schönen Scheins’ zu entheben und ihr die ‚Relevanz einer das Leben durchdringenden und das Leben verändernden Kraft’ zu verleihen, war das historische Programm einer dominant linken Entwicklunglinie der Avantgarde. Dagegen geht es in den postmodernen Werken der Kunst und der Architektur um eine „Wiedererlangung eines fiktiven Gehalts, der durch den Versuch der Moderne, Kunst ins Leben zu überführen, geopfert worden sei. Dieser fiktive Gehalt könne ausschließlich unter der Bedingung einer Neuerrichtung der ästhetischen Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit in die Kunst zurückgeholt werden (so die Apologie vom Ende des Endes der Kunst..).

Parallel zur Absage an die Abstraktion muss es verständlich erscheinen, dass den Avantgarden unseres Jahrhunderts das Ausspielen von Figuration gegen Abstraktion als Ausdruck einer reaktionären Haltung gelten musste. In ihrer Ausrichtung auf die Abstraktion musste jede Hinwendung zur gegenständlichen Malerei als Verrat erscheinen. Auf einer anderen Ebene gilt für die gegenständliche und ungegenständliche Kunst in der Moderne, dass beide Richtungen zur Moderne gehören. Doch während die ungegenständliche Kunst insbesondere seit 1945 fraglos als Hauptweg der Moderne akzeptiert, in USA nach 1945 inbesonders in der McCarthy Ära gegen den Kommunisten Picasso fast diktiert wurde, konnte sich die gegenständliche Kunstströmung lange Jahre lediglich im Abseits, d. h. auf den Nebenwegen des kalten Krieges halten.

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Balavat  „die …Zwerge…2003


Balavats Riesenzwerge  und zwergenhafte Menschen im Wald führen in eine Fiktion ein. Sie visualisieren die komische Tragik der sterblichen Menschen im Märchenwald der Ewigkeit. Der Betrachter wird unmittelbar in diese Welt, d. h. in diese Fiktion versetzt.


Das bewegte Bild

Klotz und Weibel zufolge können wir nach dem Ende der Malerei einzig und allein das bewegte Bild als Bild noch akzeptieren. Im amerikanischen Pavillon der Biennale 1995fanden wir über die Darstellung avancierter Medien der Bildproduktion hinausgehend den Versuch, das Bild nach dem Ende der Malerei herzustellen. Das war der Versuch von Bill Violas Video-Räumen.

Die Arbeiten Violas, aber auch diejenigen von Nam June Paik, Gary Hill, Bruce Nauman, stehen in der Logik der formalen Konsequenzen, die Impressionismus, Kubismus, Abstraktion, Visualisierung von Konzepten und Refiktionalisierung von Bildern gezogen haben. Nach dem Ende der Malerei sind Bilder, die den Anspruch, Kunstwerke zu sein, erheben wollen, nur als bewegte Bilder denkbar, die stilgeschichtlich Klotz zufolge einer „zweiten Moderne“ zugerechnet werden müssen.

Das hat Folgen für die Kunstgeschichte, denn Kunstgeschichte hat in der Tradition als ihren Forschungsgegenstand ausschließlich das Standbild gekannt. Mit diesem Forschungsgegenstand ist Belting zufolge auch die traditionelle Kunstgeschichte zum Ende gekommen. Kunstgeschichte nach dem Ende der Kunstgeschichte ist Mediengeschichte des bewegten Bildes. Entwicklungslogisch betrachtet setzt sie dort an, wo die Moderne ansetzte, als sie die Krise des Abbildes und der Repräsentation mit einem gewaltigen Desillusionierungsunternehmen überwinden wollte. Weil seither jedoch über 100 Jahre vergangen sind, muss diese Kunstgeschichte nach dem Ende der Kunstgeschichte, darin würden Klotz und Weibel übereinstimmen, als Beschreibung einer „zweiten Moderne“ eingeschätzt werden.


In diesem Sinne sind die Bilder Heimo Wallners in den Grafik-Animationen „MENUDO“ und „MAO“ wieder Abbilder, aber nicht passive Abbilder einer stillstehenden sinnlichen Erscheinungswirklichkeit, sondern Simulacren des Magmas der Imaginationen. Der Grundzug des virtuellen Realismus besteht für Wallner in der Reillusionierung der Bewegung der IMAGINATIONEN.

 

MENUDO , H.Wallner imaginäres Morphiing

„Zeichentrickfim“ 17 min


Hatte die Kunst der Neuzeit den Versuch, auf der zweidimensionalen Fläche die Illusion einer dritten Dimension hervorzurufen, bis an seine Grenze getrieben, versuchen die Installationen der Medienkunst, die Illusion der Wirklichkeit als Bewegung zu erzeugen indem sie dem Rezipienten „Maschinen der Sinnlichkeit“ zum Gebrauche bieten. Der neue Aspekt des Simulacrums, also die Zeitlichkeit, war der auf den räumlichen Aspekt fixierten Malerei seit der Renaissance nicht in den Blick gekommen. Erst mit den technischen Voraussetzungen der Medienkunst konnte die Bewegung als Grundzug der imaginativen Wirklichkeit entdeckt und dargestellt werden (vgl. auch C. Castoriadis über die IMAGINATION) .

Nach der Moderne und der Postmoderne, also nach der schrittweisen Abhebung der malerischen Ebenen des Illusionismus und nach der Refiktionalisierung des Bildes, entsteht mit der Medienkunst eine neue, eine zweite Moderne in der Kunst. Die Moderne, die aus dem Bruch mit dem Abbild hervorgegangen ist, hat das Gemälde auf seine dingliche Realität zurückgeführt. Die Postmoderne, die nach dem ersten Ende der Malerei der konkreten Kunst für eine Refiktionalisierung des Bildes eintritt, erneuert damit nicht wirklich die Malerei, wie Klotz es beispielsweise herausgestellt hat, sondern knüpft an Tendenzen an, die bereits bei Max Beckmann, beim späten Picasso und beim späten de Chirico vorzufinden waren und vollendet damit endgültig die Malerei des figurativen Standbildes, d. h. des unbewegten Bildes. Die Postmoderne ist also neu und zugleich auch alt, insofern nichts wirklich Neues nach der Moderne, sondern lediglich eine Phase in der Moderne. Die Medienkunst, die in der Tradition der Malerei seit der Renaissance nicht mit dem Illusionismus, sondern mit der Bewegungslosigkeit des Tafelbildes bricht und das bewegte Bild zur neuen Kunst erhebt, ist damit zur Kunst nach dem Ende der Malerei geworden. Aber diese Kunst nach dem Ende der Malerei ist nicht etwas absolut Neues. Denn die Medienkunst hat die Grenze, die die Moderne sich selbst gesetzt hat, nur wieder einmal überschritten. Und damit ist sie nichts mehr und nichts anderes als eine „andere Moderne“.

 

 

Virgilius Moldovan „zwei Schöne“ Silicon 2003

 

„Die Wahrheit kann beunruhigen. Das erfährt jeder, der sich von Virgilius Moldovans hyperrealistisch dargestellten Figuren zur Übertretung jener Grenze verführen lässt, die uns gemeinhin als Scheu vor der obszoenen Intimität des Anderen erscheint und davor bewahrt, uns selbst zu genau in dessen Durchschnittlichkeit zu erkennen. So erhalten Moldovans Skulpturen ihre enorme künstlerische Kraft nicht aus der Perfektion ihrer Fertigung, sondern aus dem Nicht-Perfektsein ihres Gegenstands: des Menschen. Die Beunruhigung in dieser gestalteten Wahrheit über die  Kuenstler als Menschen , die gesellschaftliche Bedeutung der Gestalten (Picasso, Rembrandt, Warhol..) und deren Vergehen und Tod ist der Garant für das Gelingen der künstlerischen Arbeit. Durch den radikalen Bruch mit den Traditionen von Verklärung oder Kritik auf der einen und Abstraktion auf der anderen Seite gibt Virgilius Moldovan der Kunst ihren Kern zurück, den Menschen selbst.“ (R.S. „Rückkehr des Menschen als Riesen“,Katalog Virgilius Moldovan, 2006)

 

 

Kunst und Cyberspace

Die Identitäten des Cyberspace wirken, auch wenn die gebotenen Identitäten „flach“ und „fließend“ sind und auf einem Bildschirm angeboten werden. Die Option beliebig wählbarer und fließender Identitäten scheint eine Verführung für alle zu sein, die ihren Alltag als leer und monoton erleben. Im digitalen Raum des globalen Datennetzes ist eine Vielzahl von Knoten virtueller Kommunikation entstanden, die sich als Orte für virtuelle Gemeinschaften anbieten. Traditionelle Formen der face-to-face Interaktion erhalten starke Konkurrenz durch die on-line-chats, durch virtuelle Cafes und insbesondere durch die MUDs (Multi User Dungeons) als Spielplätze für virtuelle Selbstdarstellung und Kommunikation nach von ihren Programmiererinnen festgelegten Regeln. Welche Möglichkeiten des Selbstseins, der menschlichen Existenz, welche Formen von Beziehungen bieten diese virtuellen Räume? Turkle bescheinigt ihnen auf der Basis extensiver Interviews mit MUD-TeilnehmerInnen, dass sie soziale Laboratorien der experimentellen Konstruktion und Rekonstruktion von Identität darstellen, die charakteristisch seien für das Leben in der Postmoderne. Sind MUDs also soziale Räume oder doch und zugleich virtuelle Räume? Die Hauptidee der MUDs ist für Turkle die virtuelle Neufassung des eigenen Selbstbildes: „[...] du kannst der sein, der du sein möchtest, der zu sein du schaffst“ . Von anderen Teilnehmern wahrgenommen zu werden und ihre Reaktionen zu erfahren, vermittelt offenbar rasch das starke Gefühl, wirklich die persona zu sein, die man sich ausgesucht hat, besonders bei Spielern, die oft bis zu acht Stunden pro Tag in ihrem MUD verbringen. Turkle sieht die Probleme, die entstehen, wenn die konstruierte virtuelle Welt und die Welt des Alltags zu sehr in Konflikt geraten. Sie ist aber dennoch geneigt, den Raum der virtuellen Kommunikation als reale Option, ja als eine Bereicherung des Alltags zu sehen. Unausgesprochen setzt sie dabei Lebensbedingungen einer „postmodernen Existenz“ voraus, in der durch die allgemein gesteigerte Mobilität, die Verdichtung der Kommunikation und die globale Ausweitung der Handlungsoptionen eine Fülle von individuellen Handlungsmöglichkeiten erzeugt würden, die kaum noch zu bewältigen seien und einen hohen Preis forderten: Zunehmender Verlust sozialer Sicherheiten, lokaler Zugehörigkeiten, erhöhte ökonomische Risiken, die Aushöhlung kohärenter Selbstbilder - all dies unter dem Diktat einer politischen Ökonomie des Raumes und der Informationen, die letztlich bestimmt ist durch kommerzielle Interessen, durch die Marktstrategien eines neuen Produktionssektors der telematischen Industrie, der mittlerweile das Geschehen auf den internationalen Aktienmärkten entscheidend bestimmt. Die von den Enthusiasten (mehr als 8 Millionen Atavars im Second Live der Geltungssucht) des Cyberspace gepriesenen Segnungen der Virtualisierung der Existenz in der Welt der Daten hat ihre Basis in diesen realökonomischen Gegebenheiten. Diese geraten übrigens systematisch aus dem Blick, wenn man sich der virtuellen Welt des Cyberspace verschreibt. Denn das hervorstechende Merkmal dieser Welt ist Nicht-Lokalität, was unterstrichen wird durch ein demonstriertes Desinteresse an den Vorgängen in der Realität der sozialen Umwelt. Die virtuelle Welt ist selbst sozial desituiert, eine dem Belieben anheim gestellte Wahl von Virtualitäten, losgelöst von der sinnlich-leiblichen Dimension der Wahrnehmung. Die neuen Muster eines „Selbst im Werden“ sind definiert durch die Verwendung der neuesten verfügbaren Technologien, die selbst allerdings nicht neutral sind.

 

Herwig Zens, Tod in der Disco, (aus Zens/Janisch, der Tod auf Urlaub), Radierung 2007

 

 

Demokratie und Kunst

Gegen die Tendenzen einer in den letzten 100 Jahren geforderten Demokratisierung der Elitekunst wurde eine neue Kommunikationsschiene ein gezogen, die das dringend benötigte Spender- und Sponsorenpublikum durch reservierte Besuchstermine, exklusive Veranstaltungen, Sammler-Soireen in Gegenwart von Künstlerprominenz usw. privilegiert, wodurch der gemeinsame Sockel von Kunst und Rezeption, die Dienstleistungen der Museen, neu hierarchisiert wurden. Die fortschrittliche, museologische Verabschiedung der Ära des publikumsfernen, kustodialen Museums trügt. Offensichtlich bleibt uns neben zugkräftigen Ausstellungsinszenierungen, den neuen Öffentlichkeiten der sich prostituierenden Muse und den Erlebnislandschaften der elektronischen Kommunikationsästhetik, eine Burg der „wahren“ Kunstkenner erhalten. Müssen wir die Refeudalisierung des Kunstgenusses in der Museumspolitik des 21. Jahrhunderts fürchten? Das Entgrenzungsprojekt der Kunst-Moderne kann mit dieser Entwicklung ebenso wenig einverstanden sein wie mit dem Wildwuchs der Kommunikationskultur. Für die neuen Funktionen der Kunst, die sich durch ihre neue technische, industrielle Instrumentalisierung ergeben haben, forderte vorausschauend Susan Sontag als Ergänzung ihrer übrigen Funktionen einen ethischen, humanistisch begründeten Rahmen, die Abstimmung mit dem Gewissen des antiquierten Menschen. Dass die neuen Technologien neue Lebensstile erzwingen, das Diktat der wissenschaftlichen Prothesenkultur sich unbesehen durchsetzt, fällt der sich emanzipatorisch begründenden Kunst-Moderne in den Rücken, will sie sich nicht zur Affirmation des Neuen und Innovativen verkleinern und verharmlosen lassen.

 

 

Zenitta Luis, gestickt aus Leinen, House for rent, 2006, 80x80 cm

 

Auch wenn Avantgarde und Neo-Avantgarde längst historisch geworden sind - die ihrer ästhetischen Grundhaltung endemische Selbstgerechtigkeit und Kritikfeindlichkeit hat die Kunstwelt nie wirklich aufgegeben. Nach wie vor behandelt sie die kritische Diskussion als rein interne Angelegenheit. Außenstehende dürfen wohlmeinend davon Kenntnis nehmen - ein Einspruchsrecht haben sie nicht. Die professionelle Kritik hat sich dieser Ansicht weitgehend angeschlossen.

                                  


“Statt das Publikum mit Netzhautmalerei (Duchamp) zu umschmeicheln, setzt mel contemporary darauf, Chaos in die Ordnung zu tragen (Adorno). Es ist mehr das Monströse als das Zarte, das Obszöne, das Unverhüllte, das BesucherInnen hier finden können, Kunstwerke, die in Staunen versetzen, die aus Leidenschaften, fundamentalen Ängsten und menschlichen Begierden entspringen und die auch immer wieder (warum eigentlich nicht?) amüsiertes Lachen hervorrufen. Unter vielen anderen Arbeiten, waren in den fast 6 m hohen Ausstellungsräumen die nackten Gigantenfiguren Moldovan’s zu sehen, ein 7 m langes Boot aus Makulaturpapier (Mühlbacher/Stalzer) oder Fotografien von in erotischen Posen inszenierten amputierten Frauen (Aba).“ Gabriele Stöger, Wirklichkeiten

Wu Jan Wei , Fotomontage  (1/20), 2007, 160x120cm

 

 

 

 

Verwendete Literatur

Bildnachweis: Katalog mel contemporary 2008


H. Belting, Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren, München 1995.

C. Demand, Der böse Geist der Avantgarde, Wespennest 116

P. Gorsen, Was überlebt vom Projekt der Moderne ?, Wespennest 118
B. Groys, Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie, München u. Wien 1992.
M. Imdahl, Farbe. Kunsttheoretische Reflexionen in Frankreich, München 1987.

Daniel Henry (Kahnweiler), Der Weg zum Kubismus, München 1920
H. Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert. Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne, München 1994.

E. List, Floating Identities, Terminal Bodies, Argument 238

N. Luhmann, Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992

J. Meinhardt, Ende der Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei, in: Kunstforum, Bd. 131, Aug. - Okt. 1995.

H. Platschek, Die Zeit ist ein gieriger Spieler, Hamburg 1999

W.Spies, Kunstgeschichten, Köln 1998

P. Weibel, Probleme der Moderne - Für eine Zweite Moderne, in: H. Klotz (Hg.), Die Zweite Moderne. Eine Diagnose der Kunst der Gegenwart, München 1996. 

 

von mel - veröffentlicht in: kunst - Community: mel-art
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Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 18:39

sein - der Stil der Auseinandersetzung, die brutale Ablehnung jeden Einspruches, die herablassende Überheblichkeit im Umgang mit Publikum und Kritikern nähren sich aus den gleichen trüben Quellen: „Was ist Demokratie? Das Leben - erarbeitet durch die Angst um unser tägliches Vaterunserbrot. Wir wollen lachen, lachen, und tun, was unsere Instinkte heißen. Wir wollen nicht Demokratie, Liberalität, wir verachten den Kothurn des geistigen Konsums (...)“ .Das ist Dada a la Hausmann, könnte aber ebensogut Marinetti sein. Die Avantgarde gebärdete sich von Marinetti bis Huelsenbeck, von Dali bis Breton als autoritärer Clan“ (Enzensberger). Indem sie in ihrem manichäischen Allmachtstraum das Wahrheitsmonopol für sich in Anspruch nahm, ersetzte sie den Dialog mit Tradition und Publikum durch den Monolog - nicht umsonst ist das Manifest mit dem aufgeregten Predigtton des Religionsstifters das allen avantgardistischen Bewegungen gemeinsame Markenzeichen (vgl. die österreichischen Sektengründer der Kunst nach 1960).

 

Bilder auf unserer homepage

            Francesco Bocchini, Testa del Pittor C.Soutine, 2001, mechanism, mixed media, 40x32 cm

 

Die Moderne aus konservativer Sicht

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Benn schon 1934 ausgerechnet „die Geschichte“ als Zeugin für Marinettis Leistung anrief und damit ungewollt die inneren Widersprüche der futuristischen Ästhetik aufzeigte. Tatsächlich war der Futurismus als ästhetisches Programm zu diesem Zeitpunkt längst seinem eigenen Verdikt gegen den „Passatismus“ anheim gefallen: Wer gestern von heute war, ist zwangsläufig morgen von gestern - der Futurismus war selbst Geschichte geworden und ebensosehr zu einer Maske erstarrt wie die Bewegungen, die er einst so feurig bekämpft hatte. Ein Schicksal, das auch alle anderen Avantgardebewegungen ereilen sollte, und das durchaus unabhängig von ihrer politischen Couleur. Allesamt zerschellten sie an denselben Widersprüchen, denselben theoretischen Unzulänglichkeiten. Abgesehen davon, dass sich die theatralische Erregtheit, die ein wesentliches Agens der Avantgarden war, nicht auf Dauer konservieren ließ, überschätzten ihre Pioniere Macht und Aufgabe der Kunst maßlos. Mit ihrer messianischen Überhöhung der künstlerischen Mission folgten sie blind dem alten 19. Jahrhundert, und das im festen Glauben, es weit hinter sich gelassen zu haben. Ihre Naivität rächte sich. Das System, das sie bekämpften, war stärker als sie. Es absorbierte sie alle. Heute hängen die futuristischen Gemälde einträchtig neben dadaistischen Kollagen, und das ausgerechnet in den Gebäuden, welche beide Parteien am liebsten niedergebrannt hätten: den Museen der Welt, den rituellen Weihestätten bürgerlicher Kunst.

 

Der Zwang zur Abstraktion

Die Verweigerung des Menschenbildes und Forcierung der abstrakten Figur entspricht einerseits eine revoltierenden Protesthaltung gegen die figurative/dekorative Kunst des 19 Jahrhunderts (Malewitsch u a) und andererseits der ästhetischen Abstinenz bestimmter Sektenauffassungen schon in den 20-Jahren (de Stil, Mondrian) und einer antihumanen Dekorationshaltung im folgenden. Nach 1940 entwickelt sich daraus im Rahmen des Kalten Krieges und in der Verachtung des Humanismus (menschlichen Fähigkeiten wird nur im Rahmen des Unbewussten und Spontanen Kreativität zugestanden) und seiner Zerstörung durch den Faschismus und Weltkrieg eine regelrechte Abstraktions-Manie, ein Verbot der Darstellung des Menschen und aller anderen realen Figuren und deren Beziehungen, insbesonders deren sozial-politischen Aspekte. Das L`art pour l´art setzt sich nunmehr von der USA ausgehend auch als Gegenbewegung gegen den faschistischen und kommunistischen Kunstkitsch durch und wird zeitweise als Kampfmittel im Kalten Krieg gegen jegliche figurative und realistische Bewegung wirksam eingesetzt. Diese bedenkliche Instrumentalisierung einer künstlerischen Formintention diskreditierte diese und ihr Gegenteil bis in die 70-Jahre in Zentraleuropa. Heute stellt sie eine der Differenten Artikulationsmöglichkeiten der Bildenden Kunst: so abstrakt das Bild so imaginativ die Leistung Rezipienten (Willkür und Scharlatanerie sind nicht leicht zu erkennen, insbesonders wenn der Martpreis hoch ist).

 

 

                        Linde Waber, aus der Serie Natur, Eitempera und Sand auf Leinen, 2006, 80x65 cm

 

Art Brut und Dubuffet

Dubuffet sucht, wie so viele andere Künstler des Jahrhunderts, dem Werk ein Verhaltensmuster voranzustellen. In seinem Falle erscheint dies gerade der am wenigsten originelle Zug zu sein. Der Einfluss lässt sich über die Surrealisten, Dadaisten, über Duchamp zu den Futuristen zurückverfolgen und kommt hier an die prinzipielle Grenze, die die Konfrontation Gesellschaft gegen Kunst von der Konfrontation Kunst gegen Gesellschaft scheidet. Für die Impressionisten blieb die Gegnerschaft noch die Rezeptionsschwierigkeit der Zeitgenossen, erst Futuristen und Dada verlegten pointiert die Schranken adaptionswilliger Rezeption des jeweilig Neuen. Hier wurde Avantgarde geradezu ein Kampf gegen das Verstehen, sie versuchte zumindest, die Einfühlung - nicht umsonst ein Hauptwort der Zeit - zu retardieren. Dubuffet bringt streng genommen, nicht mehr als das Revival einer Haltung, von der das feindliche Publikum schon eine Generation zuvor ausgegangen war. Der Versuch, sich in eine Außenseiterstellung zu bringen, zu glauben, es gäbe einen vom Staat und vom Geschmack nicht patronisierten Platz, hat sich im Falle Dubuffets als ebenso illusorisch erwiesen wie schon im Falle Duchamps und Dadas. 

 

Adi Brunner, encounters, Acryl auf leinen 2007, Grazer Malwerkstatt „Jugend am Werk“

Die Behauptung Dubuffet bleibe ein Dorn im Kulturleib des zwanzigsten Jahrhunderts, kann man nicht ernst nehmen. Zwischen Manifest und Werk besteht hier eine zu starke Divergenz. Man mag sich hypothetisch kaum eine Situation vorstellen, in der in unserer Gesellschaftsstruktur der breite Kulturbegriff nicht mehr hinreichen würde, ein Werk zu decken. Man dürfte sich schwer tun, in den letzten drei Jahrzehnten, während derer Dubuffet seine antikulturelle Einstellung zum Oeuvre ausbaute, Situationen zu benennen, die so etwas wie Zensur vorführten. Ich glaube, daß Dubuffets Haltung, der man ein überzeugtes Evangelistentum nicht absprechen kann - die Schriften und Briefe belegen dies -, im Grunde in der Unfähigkeit zum Skandal zu suchen ist, die jegliche kulturelle Aktivität in unserer westlichen Nachkriegsgesellschaft betrifft. Das System, das sich Dubuffet errichtete, polemisch, im Unterschied zu dem Duchamps aber frei von jeglichem Zynismus, ging vom Glauben aus, dass es innerhalb der alles gestattenden Kultur noch Reservate gebe, die den Liberalismus in Sachen Kultur außer Kraft setzen könnten. Deshalb richtete sich das Interesse Dubuffets vor allem auf solche Äußerungen, die am Rande des Anerkannten auftauchten, auf die art brut. Der Begriff der „Bildnerei der Geisteskranken „ , der bei Hans Prinzhorn 1922 schon seine gegen Lombroso geführte Nobilitierung erfuhr, wurde von Dubuffet hier variiert, um all die Formen kultureller Aktivität zu erfassen, die in solipsistischer Isolierung entstehen. 1945 beginnt Dubuffet systematisch, vorübergehend auch von Andre Breton unterstützt, Werke von Psychopathen, Introvertierten, Sonderlingen, Provinzlern zu sammeln und auszustellen. Er spielte diese Kunst (?), die in einem nicht kulturellen Zusammenhang entstanden sein soll, gegen die Galerien- und Museumskunst aus. Das Ausmaß, in welchem dies geschah, war neu. Die Interpretation, die Dubuffet diesen Arbeiten gab, unterschied sich auch von der, die bereits in den zwanziger Jahren Max Ernst oder Paul Klee heranzogen. Für diese war die Kunst des psychopathologischen Bereichs, die die verschiedensten Spielarten kultureller und gesellschaftlicher Regression aufwies, eine Art Musterbuch, das einer auf antiakademische und spontane Schöpfung zielenden Kunst zum Ansporn dienen konnte. Die naive und psychopathologische Bildnerei wurde in den Kunstbereich herübergeholt. Anders bei Dubuffet. Auch er ging von der Hochschätzung dieser Arbeiten aus, aber anstatt sie in die Kunst seiner Zeit herüberzuholen, versuchte er, selbst zu ihr hinüberzugehen.

 

Kunst versus künstlerischer Artikulation des Menschen

Jede Artikulation des Menschen mit poetisch künstlerischen Mitteln ist ein allgemein menschliches Moment der praktischen Intervention und damit Mitteilung an konkrete oder/ und abstrakte Adressaten; unabhänging von Gesundheit, Bildung, Kultur, ökonomischen Interessen etc.

„Die jeweilige künstlerische Qualität einer derartigen Formung der Mitteilung zeugt von spezifischen Fähigkeiten dieses Menschen und einem  Überschuss in der emotionellen Intention/der Intensität des Mitteilenden. Dieses "mehr"  fordert geradezu die poetische Ästhetik/Form des nstlerischen.

Eine damit verbundene Frage ist nun : Ist die jeweilige künstlerische Form  ein Ergebnis der ckwendung der historischen Kunstergebnisse in das Alltägliche/überschwengliche (Romantik des Gefühlsausdruckes),  oder das Ergebnis  einer erlittenen oder gewollten ästhetischen Deformation der Weltreflexion? Je nachdem wie die Antwort ausfällt, kann von einem Kunstwollen oder von einer spezifischen, allgemein menschlich gegebenen, ästhetischen Artikulation gesprochen werden. Der Unterschied besteht nicht in der verschiedenen historischen ästhetischen Einbettung der Artikulation, sondern in der historischen Reflexionsfähigkeit des Kunstsystems als besondere Form gesellschaftlicher (nicht mehr oder weniger solipsistisch individuell, wie im Krankheitsfall) Artikulation. Diese historisch sich entwickelnde, gesellschaftliche Fähigkeit der ästhetischen Produktion macht den Künstler aus. Nun liegt der spezifische Reiz der art brutform in einem besonderen ästhetischen Rückgriff (Kindheit, psychische Unterentwicklung/"Fehlentwicklung", Solipsismus), welcher mehrfach überdeterminiert ist:

romantisch durch die Betonung der Unmittelbarkeit der Emotionen des imaginierten Kindes;

als Gegenposition zu den disziplinierten Deformationen (Normen) der Kultur; 

als kritische affirmation des randständigen / ausgeschlossenen in dieser welt ;

zur widersprüchlichen / deformierten visuellen Abarbeitung der vorurteilshaften, realen Sicht;

die Konnotation krank / Genie / nichtangepasst / Narretei der Kunst.“

 

 

Peter Pongratz, Thyrsis und Corydon, Acryl auf Papier, auf Leinwand, 51*56 cm, 2007

 

„All die genannten Überdeterminationen nutzt Peter Pongratz in seinem Werk einer radikalen realistischen aber in  art brut quasi versteckten Kunst. Eine Kunst  der scheinbaren Naivität, die bösartig / boshaft das Böse zeigt. Selbst die Idyllen der "Bukolika" sind hintergründig böse. Aber auch das Schöne, in den "Blumen der Nacht" zur geheimnisvollen Blüte gebracht, widersetzt sich trivialer Schönheitssichten. Wir müssen uns zuerst von unseren visuellen Vorurteilen befreien, um seinen Chiffren näherzukommen. Im Gegensatz zu der künstlerischen  Artikulation der geistig Behinderten und der Kinder sind die formalen Elemente Peter Pongratzs keine des inneren  Zwanges oder Symbole der Gefangenheit, sondern, wie z.b. bei L. Caroll die Mimikry des erstaunten Entsetzens im imaginierten Realen.  Die Wahrnehmung der Rezipienten wird spezifisch in ihrer vorurteilshaften Wertigkeit gestört, um die Botschaft in einem kritischen Terrain flottieren zu lassen. Das scheinbar Kindliche / "Kranke" ist garnicht  kindlich, krank oder lieb. Es ist mit den "erwachsenen" Inhalten unserer Zeit gesättigt, die da sind : Krieg, Unfreiheit, Ungerechtigkeit, aber auch Schönheit und Liebe. Für die realen Schrecken ist die künstlerische Gestik der deformierten Figur seit Picasso Ausdruck des Widerstandes und der Opposition. Wie bei Baselitz die Umkehrung der Figur, bei Beibehaltung des Motives, zur größeren Konzentration auf die formalen (intensivierenden) Aspekte der Malerei beiträgt, so nutzt Peter Pongratz die Formen der art brut. Das Motiv und die Form konterkarieren sich wechselseitig. Seine Musikalität, seine zweite Sprache weist der Malerei die Referenz in der Verstärkung. Wenn Pongratz uns emotional gar nicht entlasten will, dann werden seine Bilder schwarz und schrecklich wie der reale Krieg...

Ironie ist das Mittel der Narren, um die Wahrheit sagen zu können, Pongratz ist ein Wahrheitssucher unter den Künstlern. Er hat mit Deleuze (Logik des Sinnes)  von Caroll und Anderen (die Einbindung in die reflektierte Kunstgeschichte macht ja den Unterschied zum Kind/Kranken) gelernt, die Einzigartigkeit der Grausamkeit des Realen real zu formulieren und virtuell zu übersteigern. Karthasis.“ (R.S. vgl. Bukolika, 2007)

Dubuffet  versuchte eine Sezession jenseits des Museumsfähigen. Allerdings findet sich in der Argumentation, die Dubuffet heranzieht, eine erstaunliche Parallele zu Bretons Überzeugung, die Poesie könne und müsse von allen hervorgebracht werden. So schreibt Dubuffet: „lch bin völlig davon überzeugt, daß jedermann ohne besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten... sich der Kunst verschreiben kann, mit aller Aussicht auf Erfolg“. Man darf jedoch diese so altruistisch klingende Stellungnahme Dubuffets nicht auf die Goldwaage legen, denn prinzipiell bleibt er mit seinem Werk, das er scharf von der so begönnerten Art brut trennt, durchaus im Bereich des Kulturellen. Was er zustande bringt, ist allenfalls ein Mimikry dieser so spontan erscheinenden nichtkulturellen Kunst. Er ist in seiner Art ein Jean-Jacques Rousseau und wie dieser, vom Dilemma einer unerreichbaren Natürlichkeit gezwackt, zu Prozeduren überlegter Künstlichkeit aufgerufen. Der Lebensweg Dubuffets zeigt, daß die Ablehnung des offiziellen Wegs, des Wegs über eine der zahllosen avantgardistischen Gruppenbildungen des Jahrhunderts, sehr stark im Biographischen begründet liegt. Wiederholt unternahm es Dubuffet, Künstler zu werden, und immer wieder kehrte er zu seinem einträglichen Weinhandel zurück. Als er dann schließlich 1942 definitiv seinen Beruf an den Nagel hängte, blieb von diesem Hinundhergerissensein sicher eine Entfremdung gegenüber dem wiederholt umworbenen Kulturbetrieb übrig, Entfremdung, die sich nun in einer scharfen Reaktion gegen diesen Betrieb selbst Luft machte. Offensichtlich entlieh Dubuffet die Mittel seiner Malerei den Leuten, die er gleichzeitig unter dem frappierenden Begriff „art brut“ zu sammeln begann

Mario Dalpra „das Paar“ 2003

 

Das Selbstbewusstsein der Moderne

ist, etwas zu tun, was unseren Wünschen und Vorstellungen entspricht: Dies ist das Moment der Performativität, das uns zu Subjekten als tätige Wesen macht. Wir entdecken nicht einfach, wer oder was wir sind, sondern aufgrund der Tatsache, dass wir als lebendige Wesen ständig in Bewegung sind, verändern wir von Minute zu Minute die Welt, in der wir wahrnehmen und handeln. Wir sind nicht nur Zeuginnen, sondern Erzeugerinnen dessen, was wir als real erleben. Das lebendige Wesen ist ein Selbst im Prozess, ein Selbst im Werden, ebenso Produkt seiner Umgebung wie sein Produzent. Eben deshalb hat das Selbst im Werden eine temporale Struktur. Es ist im Fluss, lässt sich nicht fassen oder verstehen durch eine statische Momentaufnahme. Wenn wir uns dennoch als Einheit wahrnehmen, so deshalb, weil wir Symbole verwenden - oft genug von außen oktroyierte Symbole, die uns in unserer Vorstellung Einheit, Abgeschlossenheit und Stabilität verleihen. Diese Einheit ist aus diesem Grunde keine „reale“, sondern eine imaginäre im Sinne Castoriadis oder eine phantasmatische im Sinne Lacans; Bewusstsein, Geist, Symbolgebrauch sind nicht einfach faktische Gegebenheiten. In der analytischen Philosophie hat sich die Frage nach dem, was es heißt, ein Subjekt zu sein oder was Subjektivität bedeutet, auf deren Form sprachlichen Ausdrucks verlegt, nämlich auf Aussagen in erster Person bzw. in der Ich-Form. Solche Aussagen haben, so wird festgestellt, die Form „lch-hier-jetzt“ und enthüllen das Kernelement von Subjektsein und Bewusstheit. Das heißt, sie verweisen auf die unaufhebbare Situiertheit, in der wir uns als Subjekte erleben. Situiertheit bedeutet aber zugleich, dass Leibhaftigkeit (Möschl) , Inkarniertheit essenziell sind für jede Manifestation des Selbst-Seins als Subjekt-Sein. Die Philosophien, vor allem die Merleau-Pontys, Langers und Plessners, sowie die Arbeiten des Neuropsychiaters Israel Rosenfield ( 1992) liefern überzeugende Argumente dafür, dass die spezifisch geistigen Fähigkeiten des Menschen ihre Grundlage in den organischen Leistungen des Lebendigen haben.

 

 

Jürgen Messensee , Zahnreihe 2001

 

Die Postmodernität als wahre Moderne

Parallel zur Entwicklung des kapitalistischen Systems als Weltsystem mit allen seinen historischen

Entwicklungs-Stockungen und Krisen (Weltkriege, Faschismus und Revolutionen), trat in der

Wissenschaft und in den allgemeinen Denkformen der Menschheit ein neues theoretisches Paradigma

zutage, welches die alten Formen der Auffassung einer deterministischen Entwicklung (Entelechie) zu

einem einheitlichen Ziel desavouierte. Die Entwicklung der Natur und deren Gesetze wurden unter

Berücksichtigung der zeitlichen Lokalität und Relativität dieser Gesetze denkbar. Das Chaos wird

integraler Bestandteil des Realen, der absolute Zufall ergänzt den deterministischen relativen des

alten Welt-Systems. Die Quantenphysik mit ihren Paradoxa wird unter den Paradigmen der

Chaostheorie als ein Spezialfall der a-historischen Gesetzesformulierung gesehen. Die Beziehung

klassische Quantenphysik und chaostheoretische Quantenphysik stellt sich daher ähnlich der

Lorenztransformation dar: von der Relativitätstheorie zurück zum klassischen Newton so I. Prigogine). In den Sozialwissenschaften, insbesonders in der politischen Ökonomie, hat schon Marx das Problem der Selbstreferentialität und relativen Autopoiese des politökonomischen Systems bei aller revolutionärer und krisenhafter Einbindung in das Weltsystem formuliert- wenn auch mit anderen Worten (vgl. In der Verallgemeinerung meine Werttheorie).

Auch in der Kunst wird nach Bachtin spätestens mit Dostojewsky, aber wahrscheinlich schon mit Sterne und Caroll die Multizentrizität und Relativität der Stileinheit des Werkes eingeleitet. Nonsens und Sens, Zeitkonstruktionen der Relativität, das Vorbewußte, Gegenwärtiges und Vergangenes, das

Denken und Fühlen.. alle Dimensionen menschlichen Erlebens werden in ihrer ästhetischen

Dimension Quelle und Ergebnis des künstlerischen Schaffens. Die Künstler schaffen damit eine

Sinnes/Erkenntnismaschine für diejenigen Menschen, welche sich jeweils dieses Werkzeuges je nach eigenen Fähigkeiten und ästhetischem Erlebnisfundus bedienen können.

 


 

Mario Dalpra, think forward, 2008, Acryl on canvas, 140x190 cm

 

Die Relation ist: Realität ästhetische Bewertung der Realität, Konstruktion der künstlichen Realität auf Basis des ästhetischen mit den spezifischen Mitteln der Immanenz des Produktes (die Form)..Das Kunstwerk ist eine Maschine, es ist die Maschine der multiplen Persönlichkeit daher der inneren mehrschichtigen Kommunikation fähig, in der einzigartigen Wirklichkeit des Menschen  – als virtueller (die mit der Zukunft und Vergangenheit aufgeladenen Gegenwart – d.i. die aktualisierte Wertebene des Subjektes). Je nach historischem Standpunkt, individueller Entwicklung und Vermögen realisieren die Künstler ihre Kunstmaschinen der Unterwerfung, Emanzipation, der weiblichen, der kindlichen, der religiösen, der ... Seinsweise , mit den Kunstmitteln der Immanenz, der Äußerlicheit, des Dekors, der philosophischen Tiefe, der stofflichen Exzesse, der formalen Regellosigkeit bis zur strengen Privatsprache. Die reflektierten Künstler sind sich Ihrer Wirkung und der Fähigkeiten ihrer Rezipientenklientele bewußt, spielen mit deren emotionell-intellektuellem Vermögen. Je nach Mode der herrschenden Schichten werden die Künstler fürstlich entloht, erzielt man für deren Werke oft erst posthum exorbitante Preise, errichtet für sie Museen, Opern, Theater oder Statuen..Die Sprache der Kunst ist eine höchst performative (beeinflusst unser Fühlen, Denken und folglich das Handeln), vorallem deswegen daher ist die Kunst in Krisenzeiten heiß umkämpft.

Wir leben in einer Zeit der Verallgemeinerung des Kapitalistischen Systems im Weltmaßstab, mit allen

Problemen der Integration, des permanenten Umbaues des Systems ohne Ziel und ohne bestimmter

Zukunft. Die reale Entwicklung wird mittels bewusster Einflussnahme, realen Zwängen und

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Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 18:36

Ende der reinen Kunst - Produktivismus  (Stepanowa /Rodschenko)

Von 1920 bis 1923 waren Rodtschenko und Stepanowa Mitglieder des Instituts für Künstlerische Kultur. Rodtschenko war Leiter des Büros des „Museums für Kultur“ sowie Mitglied jenes Präsidiums, wo er von 1920 bis 1921 der Gruppe für objektive Analyse angehörte. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts arbeitete er als Maler und Graphiker und schuf vor allem Auftragsarbeiten. 1921 malte Rodtschenko sein letztes Bild, ein Triptychon in Rot, Gelb und Blau, das das Ende der Malerei signalisieren sollte. Danach gab er die Versuche und Experimente auf dem Gebiet der reinen Kunst auf und wendete sich der produktivistischen Kunst zu. Die Ideologie des Produktivismus lehnte die traditionelle Funktion der Kunst ab, die in Museen ausgestellt wird oder als Dekoration dient. Er beschäftigte sich mit Arbeiten im Bereich von Graphik, Gestaltung und Kunsthandwerk. Nach der Aussage Rodtschenkos sollte die Kunst das Museum verlassen und in Form von Gegenständen zum Element der gesellschaftlichen Seins werden. Ab diesem Moment nimmt die Kunst Rodtschenkos einen sozialen Charakter an.

Handelsreklame und Polygraphie waren das erste Gebiet, auf dem Rodtschenko nicht nur gelegentlich, sondern ab 1923 ständig tätig war. Sein neuer Interessenkreis führte zu einer engen schöpferischen Zusammenarbeit mit dem Dichter Majakowski. Er schuf Illustrationen für dessen Poem „Pro eto“. Zusammen verfertigten sie in knapp zwei Jahren etwa 50 Plakate, fast 100 Firmenschilder, Pack- und Bonbonpapiervorlagen, Leuchtreklamen sowie Bildreklamen für Zeitungen und Zeitschriften. Sie arbeiteten für das Warenhaus GUM, Mosselprom, Gosisdat, Resinotorg und für die Gewerkschaften. Der Inhalt von Majakowskis und Rodtschenkos Reklametätigkeit wuchs weit über die Werbung für Produkte der staatlichen Unternehmen hinaus. Der Dichter und der Künstler agitierten auch für die Entwicklung der Technik, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und andere gesellschaftliche Belange. Rodtschenkos Stil der Reklamegraphik war einfach und klar und harmonierte mit den lakonischen, wortspielerischen Zweizeilern von Majakowski. Die Werbetexte und Bilder waren maximal funktionsgerecht, frei von jeder überflüssigen Information. Rodtschenko arbeitete mit großen, einfach geformten, leicht lesbaren Buchstaben und benutzte oft große Ausrufe- und Fragezeichen. Die Anwendung des Pfeils in der Komposition, der Symmetrie der Anordnung der Buchstaben und anderer graphischer Elemente erleichterte die Entschlüsselung des Plakats für den Betrachter. Verbindung/Verschmelzung von Kunst und Leben führt letztendlich ins Design.

Der Einsatz künstlerischer Mittel für sozial/gesellschaftliche Zwecke ist legitim aber m.E. ist das Ergebnis kein Kunstwerk, funktioniert trotz des performativen Gestus auch nicht wie Kunst – sei der erzielbare Marktpreis heute auch noch so hoch.

 

Die faschistischen/rechtsradikalen Artikulationen der Klassenspaltung in der Kunst

Marinetti liebte die messianische Geste, prangerte die angebliche Fäulnis des Zeitalters an und delirierte vom neuen Menschen. Doch seine Vision von sozialer Gesundheit wies schon im ersten Manifest in eine deutlich rechtsradikale Richtung: „Wir wollen den Krieg verherrlichen - das einzige Heil für die Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörerische Geste der Anarchisten, die schönen Ideen, welche töten, und die Verachtung für die Frau.“ Der kraftmeierisch dummdreiste Militarismus und Machismo Marinettis war weit mehr als ein geschmackloser Reklamegag – auch Hitlers „Mein Kampf“ wurde als Programm nicht ernst genommen. Der Futurismus war seinem Wesen nach ein brutaler und zynischer Antiintellektualismus. In den Schafspelz der Ästhetik gehüllt sang Marinetti das Hohelied der Borniertheit und des Ressentiments. Von der künstlerischen Maskerade eingenommen, stimmten auch viele darin arglos ein, denen es vorrangig um Fragen der Bildgestaltung ging und die den Zug in die Zukunft und damit in die Kunstgeschichte nicht verpassen wollten. Marinetti konnte aber ebenso auch auf die Masse derer zählen, denen intellektuelle Innovationen nicht geheuer waren; dagegen setzte Marinetti die Tat, den Kurzschluss, die Gewalt. „Was gehen uns die Frauen an, die häuslichen, die Invaliden, die Kranken und all die treuen Ratgeber? Ihrem unbeständigen, von düsteren Kämpfen zitternden Schlummer und schreckniszerschnittenen Leben ziehen wir den gewaltsamen Tod vor, wir verherrlichen ihn als den einzigen, der des Menschen würdig ist, des Raubtieres würdig ist. Wir wollen, dass unsere Kinder fröhlich ihrer Laune folgen, brutal den Greisen sich entgegensetzen und auf das pfeifen, was die Zeit geheiligt hat“, hatte es im zweiten Manifest geheißen. Und vom italienischen Überfall auf Libyen im Jahr 1911 schrieb er als Kriegsberichterstatter an die Kollegen daheim: „Futuristische Dichter, Maler, Bildhauer und Komponisten Italiens! Solange der Krieg dauert, lassen wir Verse, Pinsel, Meißel und Orchester beiseite! Es haben die roten Ferien des Genies begonnen! Heute können wir nichts anderes mehr bewundern als die großartigen Symphonien der Schrapnelle und die wahnwitzigen Skulpturen, die unsere inspirierte Artillerie aus den Massen der Feinde formt.“

Seine Worte fielen auf furchtbaren Boden. Die meisten Futuristen waren bekanntlich glühende Befürworter einer Beteiligung Italiens am ersten Weltkrieg. Benito Mussolini betätigte sich, als er noch nicht der Duce war, eine Zeitlang als Aktivist bei futuristischen Unternehmungen. Marinetti schrieb 1918 ein politisches Manifest, in dem er die Kunst an den Faschismus verkaufte. Das lag durchaus in der Logik der Sache, denn wenn die Avantgarde Kunst und Leben zusammenführen sollte, dann war Parteiarbeit sicher wirkungsvoller als Dichterlesungen. 1934 begrüßte Gottfried Benn ihn auf einem Bankett in Berlin im Namen der Union nationaler Schriftsteller in völkischer Verbundenheit mit den Worten: „Exzellenz Marinetti (...) Welche ungeheuren Folgen hatte Ihr berühmtes Manifest, das 1910 bei uns bekannt wurde, welche ungeheure Verwandlung des europäischen Geschlechts drückte es aus! Mitten in einem Zeitalter stumpfgewordener, feiger und überladener Instinkte verlangten und gründeten Sie eine Kunst, die dem Feuer der Schlachten und dem Angriff der Helden nicht widersprach. Ihr Manifest wirkte verblüffend, als es erschien, es wirkt heute noch verblüffender, da alle ihre Formulierungen Geschichte wurden. ...“

 

 

Bilder auf unserer Homepage

Marinettis Manifest

 

 

Die Autonomie der Kunst, Die Kubistische Revolution und Picassos neuer Realismus

Ein paar Worte zuerst vom Namen „Kubismus“, damit man ihn nicht als Programm auffasse und so zu falschen Schlüssen gelange. Ein Schimpfwort seiner Gegner ist er, wie es schon der Name „Impressionismus“ gewesen war. Sein Erfinder war der damalige Kunstkritiker des „Gil Blas“, Louis Vauxcelles, der schon einige Zeit vorher, in den Jahren 1904/5, einen anderen sinnlosen Namen für die damalige „Avantgarde“ der Independants ausgebracht hatte, das zum Glück wieder verschwundene (heute wieder übliche) Wort „les fauves“, die wilden Tiere. Ihm begegnete im September 1908 Matisse, der in diesem Jahre Mitglied der Jury des Salons d’Automne war, und der erzählte ihm, Braque habe zum Herbstsalon Gemälde „avec des petits cubes“ gesandt. Zur Beschreibung zeichnete er auf ein Stück Papier zwei aufsteigende, oben sich berührende Linien, und zwischen diese einige Würfel. Es handelte sich um Braques Estaquelandschaften aus dem gleichen Frühjahre. Mit der solchen Körperschaften eigenen Feinfühligkeit lehnte die Jury von den fünf eingesandten Gemälden zwei ab, worauf Braque alle fünf Bilder zurückzog.

In der kubistischen Formzertrümmerung bleibt der Gegenstandsbezug, wie verzerrt auch immer, erhalten. Kubisten haben die Wirklichkeit, selbst die optischen Gegebenheiten genau untersucht, im Grunde ist diese Malerei realistischer als etwa Dalis unzüchtige Klaviere. Gewiss, auch der Kubismus ist ein Beispiel dafür, dass wir uns spezialisieren und unser Leben sich teilt; was aber offenbar unteilbar blieb, war der Sinn für Malerei in ihrem materiellen, ursprünglichen Kern. Dazu kommt, dass die Kubisten jenen Anteil geltend machten, der nur durch die Tatsache, dass eine Gruppe Maler die Merkmale unserer Welt neu buchte, unser Empfinden und unser Raumgefühl mit erneuert hat. Es geht, im Ensemble kubistischer Bilder, um die Malqualität: zumal dort, wo das Raumproblem geradezu übersprungen oder zu einem jeu d'esprit wird, setzt eine Malerei ein, die Nuance und Genauigkeit, die Spur der Pinselstriche und die Definition des Zeichens paart. Braque geht, in dieser Übersensibilität, Picasso noch voran: aber der Spanier, härter in den Konturen, eher von der Negerplastik als von Cezanne fasziniert, kommt zu Kombinationen von Grautönen, gebrochenem Ocker, Erdfarben, die nie schmutzig wirken, um einen Violinspieler, der natürlich keiner ist, einer Frau mit Mandoline, aus Hell- und Dunkeltönen jene stoffliche Individualität zu verleihen, und die, paradoxerweise, dem Gegenstand, als Thema oder Sujet gesehen, fehlt. Malerei ist hier auf einen Höhepunkt getrieben, der Selbstbewusstsein im Umgang mit einer Kunst zeigt, die, im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit, genau dieses Selbstbewusstsein eingebüsst hat.

Das kubistische Bild stellte neue Anforderungen an die ästhetische Wahrnehmung. Ein lediglich wiedererkennender Blick reicht vor diesen Bildern nicht aus; es muss so etwas wie ein sehendes Sehen, ein von der „normalen“ Seherfahrung freigesetztes, konstruktives, imaginatives Sehen hinzukommen, um den Betrachter vor einem kubistischen Bild nicht scheitern zu lassen. Imdahl hat über den Zusammenhang von Bildautonomie und Gegenstandssehen einen nach wie vor beeindruckenden Aufsatz geschrieben und gezeigt, wie in der Verknüpfung von wiedererkennendem und sehendem Sehen die kubistischen Bilder den Betrachtern zugänglich werden können.

 

 

Jürgen Messensee, Körper, 2004, Acryl auf Leinen, 55x81 cm

„Das Rot des KATAMARANS erregt, dupliziert die Formen der Leidenschaft in den sattroten  weiblichen Segmenten.

Die Spektralverschiebung im Rot relativiert und verkoppelt die Intensitätsdifferenzen  des Begehrens von Augenbrauen, Mundhöhle, Brüsten, Nabel, Schamhaar und Zweikörperrand.

Wo ist der Kopf?

Der organlose Körper ist befreit!

Ein blaues Auge zeigt unser erotisiertes Schauen, starr wie das Aug’ der Medusen, entkleidet jeder Symbolik, ein Werkzeug für das Obszöne der Wahrnehmung und der Imagination der Rezipienten.

Sadismus des Blaus, fein quälend die geschundene Sucht.

Masochismus im Rot des nicht beißenden Mundes, lockende und verweigernde Geste der Lust renaissancegequälter Madonnen.

Verschoben, verschachtelt, verbogen, gerissen das Papier in charakteristischer Form des sich verweigernden Begehrens.

Wie Lacan in seinem Leiden am Versagen der letztlichen  Erfüllung. Die Verletzung, die Unsagbarkeit, die symbolische Kastration der Geschlechter in deren Begegnung. Die „Netzhautmalerei“, das heißt die Objektproduktion der Maler für den „geschmäcklerischen“ Genuss, welche seit dem Impressionismus über  Picasso bis heute mit Recht verpönt ist, ist aber  im Akademismus der Postmodernen  (vgl. Adorno „Über das Altern der Neuen Musik“)  die weit verbreitete  Methode der Kunstproduktion.

Dagegen war vor fast einem Jahrhundert : Das Grosse Glas Duchamp’s  („Die Braut von ihren Junggesellen entblösst, sogar“ ....), das 1923 entgültig unvollendet ausgestellt wurde, der  kritische Bruch mit der gängigen Kunstauffassung, welcher bildlich realisiert wurde.

Jürgen Messensee stellt sich dieser Kritiktradition der bildenden Kunst: Denken und Erleben ist kontrastreich künstlerisch zu verbinden.

Die INTENSITÄT, als Hauptkriterium des messenseeischen Gelingens, hat ihren historischen Bezug vorallem  bei Van Gogh, der innovative Umgang mit Raum und Farbe  hat seine  Quelle bei Cezanne.

Jürgen Messensee`s Innovation zeigt sich in der Verlangsamung, der stringenten Verdichtung, der Ballung der sinnlichen Energien, der besonderen Messenseeischen Intensität, dem Suchen und Finden der Momente des sinnlich Intensiven (Bataille), den Wegen des Aufspüren’s der Energieflüsse und deren Stockungen, deren tausend Plateaus und dies alles simultan im transgredienten Subjekt (Bachtin) dargestellt, im Bildobjekt  strukturierter komplexer Texturen. 

Jürgen Messensee’s  Werk/Artikulation ist die ironische (gebrochen im Sinne der Romantik) Kritik der Malerei von der Renaissance bis heute, als Malerei, welche die intelligenten Ideen und deren sinnlichen Genuss in der kalkuliert haptischen Intuition der Produktion über die Farbe und den Stift zum Ziel hat. Radikal- im Gegensatz zu opportunistischen Rezipientenideologien-  vermittelt Jürgen Messensee, dass der Künstler das Bild schafft, welches der Rezipient je nach Fähigkeit mehr oder minder in der Lage ist  zu erleben/zu erkennen. Messensee versucht Kunst und Leben, Werk und Rezipient nicht zu versöhnen.

“ (aus: R.S.Katalogtext „Papiere“ 2006)

 


Was bedeutet der Kubismus, abgesehen von den bildnerischen Momenten ? Doch eine Fehde zwischen dem, was die Wirklichkeit sichtbar als Modell vorschlug, und den Imagines der Maler. Bei Picasso wird diese Spannung immer wieder offenbar, auch wenn er die eigentliche kubistische Malerei längst aufgegeben hat. Einmal ist das Bild ein Kunstgegenstand, den Gegenständen gleichwertig, die die Wirklichkeit bevölkern, zum anderen ein Spiel mit Stoffen, aus denen eine Pfeife, eine Fruchtschale, das Päckchen Tabak oder die Gitarre bestehen. Im Gegensatz zu Klee und Kandinsky zieht Picasso mit der Malfarbe Stofflichkeiten ins Bild, die Farbe ist also kein Stoff an sich und entbehrt symbolischer Werte. Blau ist Email oder eine Bluse, keine typisch himmlische Farbe, wie Kandinsky es wollte, die beruhigt, weil sie sich entfernt. Woraus sich ein anderer Widerspruch ergibt, der Picassos Malerei bis heute begleitet: diese Knochenfigur, diese Eule, diese Violine lassen sich zwar umkehren, die Faszination des Gegenstands schlägt jedoch stets durch die Ölpasten durch. Malerei ist zwar Kunst, eigentlich aber nur ein Hilfsmittel, mit dem man notdürftig ein Ding verkörpern kann. Was Picasso ungern akzeptiert hat. Als er wirkliche Materialien, Putzlappen, Papierfetzen, Wellpappe oder Holzstücke in seine Leinwand klebte, wollte er nicht, wie Braque, das Bild vielfältiger und greifbarer machen. Er wollte es im Gegenteil zerstören und damit die Grenzen der Malerei verschieben. Denn was sind diese Fremdkörper? Dinge, die keine Dinge mehr sein können, die man allenfalls retten kann, indem man sie in ein Gebilde auf der Leinwand verwandelt, doch diese begrenzte Fläche reicht nicht aus, will man dokumentieren, wie aufwendig sich eine Wirklichkeit aus der Welt schafft.
Die autonome Kunst, die versucht, Fragmente aus der Alltagswelt in die Kunstwelt zu überführen und in das Kunstwerk zu integrieren, überwindet damit nicht die Grenze zwischen Kunst und Alltag, sondern verstärkt sie noch, denn der aus dem Alltagszusammenhang herausgerissene Zeitungsausschnitt beispielsweise hat im neuen Kontext der Kunst seine Identität als Alltagsgegenstand verloren.

 

 

 

Der „Linguistic Turn“ in der Kunstphilosophie

Kahnweiler, der Freund und Kunsthändler von Juan Gris, war der erste, der, neben seinem Hinweis auf den Neukantianismus, Begriffe der Linguistik auf kubistische Bilder übertrug und aus der Spannung zwischen Bezeichnendem, und Bezeichnetem das Neue als eine in ihrer Zeichenhaftigkeit bewußt veränderte Welt erkannte. Von der Thematik her betrachtet bleibt der Kubismus innerhalb einer realistischen Kunst, wie Picasso, der im Unterschied zum früh verstorbenen Gris ausführlicher werden konnte, ja stets den Realismus beibehalten hat. Statt Symbolen kommen, wie Kahnweiler gezeigt hat, Embleme für Seiendes zustande. Am Bestehen der sichtbaren Welt wird dabei nicht gerüttelt. Hier liegt der grundlegende Unterschied zu Malewitsch und Mondrian, deren Werke nur äußerlich eine Konsequenz kubistischer Morphologie darstellen, deren signethaftes Hinausgehen über Wirklichkeit jedoch den Kubismus, dessen linguistischen Glanz, nicht tangieren. Die Überlegungen, die in den Schriften von Juan Gris anklingen, kreisen stets um die Sagbarkeit von Dingen. Er spricht von einer deduktiven Methode: Ein Gegenstand gelangt zur Übereinstimmung mit einer Komposition, nicht umgekehrt. Dies bedeutet, dass Gris jeweils zunächst von autonomen Form- und Farbkorrespondenzen ausgeht, denen abschließend eine eindeutig figurative Suggestion unterlegt wird. Denn in diesem Punkte toleriert Gris auf Seiten des Betrachters keine Freiheit, kein Hineinsehen: ,,Wenn ich die bildnerischen Beziehungen bis hin zur Darstellung von Gegenständen spezifiziere, so will ich dadurch verhindern, dass der Betrachter eines Bildes es von sich aus tut und dass die Gesamtheit der farbigen Formen ihm eine von mir nicht vorgesehene Realität suggeriert." Eine zweifellos wichtige Äußerung: nicht ein Gegenstand wird zerlegt, sondern in einer autonomen Bildarchitektur wird die ihr adäquate Gegenständlichkeit untergebracht. Dies könnte darauf schließen lassen, dass Gris eine informelle Bildwelt im letzten Augenblick gegenständlich determiniert.

 

 

                                   Jörg Kozak, Grazer Malwerkstatt, OT, 2008, 80x60cm

 

Der künstlerische Konstruktivismus

eines Corbusier, Malewitsch, van Doesburg, Mondrian gipfelt in der ästhetischen Allianz von Form und Funktion. Er rangiert als Schlüsselbegriff der Kunst-Moderne neben Montage und Experiment. Der ästhetische Eigensinn des Funktionalismus beruht auf seinen „konstruktivistischen Grundlagen“ im holländischen Neoplastizismus, der alle künstlerischen Einzelleistungen im „Gesamtkunstwerk einer umfassenden architektonischen Gestaltung der Umwelt“ zumindest konzeptionell zusammenfasst. Trotz der Kontroversen zwischen Bauhaus und Neoplastizismus zeigt sich in Gropius „neuer Einheit von Kunst und Technik“ die gleiche Intention auf einen Stil- und Lebensfragen restlos integrierenden Universalismus. Mit ihm verbindet sich für Habermas der „wahre Geist des Projektes der Moderne, der durch alle seine späteren Verfälschungen hindurch transparent und nachvollziehbar bleiben soll“, eine bis heute uneingelöste Antizipation. So wie Habermas das Selbstbewusstsein der klassischen Moderne in der Verschmolzenheit, dem Amalgam von geschichtlichem und utopischem Denken, begründet wissen will, so hält er über das 20. Jahrhundert hinaus an der Möglichkeit einer selbstkritischen Fortsetzung des Projekts der Moderne fest, nach der Form und Funktion, Konstruktivismus und Funktionalismus, Bildende Kunst und Architektur, Darstellungsästhetik und technische Rationalität, Form und Zweck, Schönheit und Nützlichkeit in einem Bindegewebe „kommunikativer Vernunft“ miteinander verquickt sind, im doppelten Wortsinn alles Einzelne und Heterogene aufgehoben ist.

 

 

Beni Altmüller, Siebdruck, Kunstdrucker Andreas Stalzer, Wien 2008

 

Gegen das Ordnungsprinzip der Vernunft hat das Projekt der Postmoderne zu Recht eingewendet, dass in der modernen Kunst- und Architekturgeschichte es den einen Heils- und Königsweg unter Anleitung der aufklärerischen Vernunft so wenig gäbe wie die Geltung eines einzigen universalen Stilparadigmas. An ihre Stelle sei die „Paradigmenkonkurrenz“ (Wolfgang Welsch) der Stile, Medien, Konzepte, Kulturen getreten, allerdings mit der wesentlichen Einschränkung, dass das technologische Paradigma das „verbindlichste“ sei, gewissermaßen das „Standbein“ aller anderen Paradigmen und nicht nur eine ihrer „Facetten“.


Das surreale Bild

Das Paradigma der „revolution surrealiste“ steht für die neben den Formauflösungen im Futurismus und Kubismus wohl radikalste (nicht marxistische) Vernunft- und Verstandeskritik der Moderne und den für Angriff einer Bewusstseinsrevolution auf die Zensurmaßnahmen und Verdrängungsmechanismen bürgerlicher Rationalität, die mit den, allerdings poetisch gebändigten, Ausuferungen des psychischen Automatismus, der traumatischen Hysterie und des Wahnsinns im Zeichen einer „konvulsiven Schönheit“ (Breton) konfrontiert wurde. Der Befreiungsdrang von jeglichem Vorurteil, die Attacke gegen den Formzwang im Namen einer frei flottierenden, riskanten Imagination wurden überdehnt und hatte sich teilweise selber ad absurdum geführt. Die nachfolgenden Prozesskünste mit ihrer Orientierung auf Körperrhythmus, Geste und Geschwindigkeit, das Bewegungs- und Zeiterleben, also abstrakter Expressionismus, Tachismus, Informel, CoBrA, Land Art, Date Paintings, Spurensicherung bis zur medialen Sequenzierung des Körpers in der Gegenwart, haben die Intention auf einen sich selbst ausdrückenden, reinen Schöpfungsakt fortgesetzt. Das Werkhafte, das den Vitalitäts- und Spontaneitätskult Überlebende und Transzendierende der Kunst, die Subjekt-Objekt-Differenz in der Genesis klassischer Kunst, wurden schließlich in einen intersubjektiven totalitären Erfahrungszusammenhang des Künstlers mit der Welt aufgelöst. Entweder wurde der Kunstrezipient zum künstlerischen Koproduzenten erhoben und das Werk auf Idee und Konzeption (Fluxus, Concept Art), häufig nur einen Einfall, den Deklarationsakt und die Künstlersignatur reduziert. Oder der Prozess des Erfahrens wurde zur (Video-)Performance, zum Happening, einem situationistischen, aktionistischen oder kommunikativen Geschehen erweitert, das kein Kunstmarkt und kein Kunstmuseum mehr verdinglichen können sollte.

 

Hari Schütz, An Embossed Force,  Brandbild 2007, 60x80 cm

 

 

Während aber die sichtbare Realität der Materialien und Tätigkeiten bei Fautrier, Dubuffet und Pollock noch, als „Bildlichkeit“ wahrgenommen wird, wird erst in der Bestimmung und Wahrnehmung des Gemäldes als Objekt in dieser Welt die Transzendenz der Malerei völlig aufgegeben.

Stella und Judd lassen vom Gemälde außer der materiellen Oberfläche eines Trägers nichts mehr übrig. Das hatte schließlich den vollständigen Zusammenbruch der ästhetischen Differenz zwischen materiellem Gegenstand und visueller ästhetischer Ordnung zur Folge, nach Meinhardt gleichzusetzen mit dem Ende der modernen Malerei. Diese war mit einem tiefgreifenden Verdacht gegen den Illusionismus der traditionellen Malerei angetreten und musste nun feststellen, dass die letzten noch möglichen Gemälde keine Gemälde im ästhetischen Sinne mehr sind, sondern Gegenstände unter anderen Gegenständen in der Welt.

                                                          

 

Die Moderne im Kalten Krieg nach 1945, die Zeit der Stifter von Kunst-sekten ?

Alle Avantgarden verbindet eine maßlose Borniertheit. Mögen die politischen und ästhetischen Ziele des Futurismus auch diametral von denen anderer Avantgardebewegungen verschieden gewesen

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Saturday, 31. january 2009 6 31 /01 /Jan. /2009 18:05

Der „Virtuelle Realismus“ als post-postmoderne Überwindung 
der Realistischen Kunst der Moderne ( Teil 1 aus 4))

Der Bürger wünscht die Kunst üppig und das Leben asketisch; umgekehrt wäre es besser.

Theodor W. Adorno

ein Palimpsest mit aktuellen Bildbeispielen 

Reinhold Sturm 

 

Bilder dazu auf unserer homepage 

 

 

 

Pongratz, Wallner, Zens

 

Einleitung: Kunst versus Wissenschaft im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert entwickeln sich zusätzlich zur materiellen Produktionssphäre die beiden Sphären der Geistigen Produktion- Wissenschaft und Kunst - sehr dynamisch zu relativ eigenständigen Systemen innerhalb der kapitalistischen Ökonomie, das bedeutet, dass die Anzahl der damit Beschäftigten und deren soziale Stellung stark wuchs. Die Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaft entfaltet das allgemeine gesellschaftliche Wissen über das Reale in einer globalisierten (allgemein-)gültigen  Sprache – die Entwicklung der Physik und Mathematik begünstigen die materialistisch deterministisch/kausale Realitätsauffassung und den philosophischen Formalismus im Sinne der Reflexion der mathematischen Methodik (Logische Positivismus). Gleichzeitig werden fundamentale Paradigmen der Naturwissenschaft, welche auch in der alltäglichen Weltanschauung besonders der Intellektuellen eine Rolle spielen erschüttert:

Raum – Zeitbeziehung, Struktur/dynamik der physikalischen Materie, Determinismus – Stochastik/Unschärferelation, die Struktur des individuellen Bewusstseins (Freudianismus und die Illusion des  „Genies“ des Unbewussten), der Zerfall bisheriger Sozialer Normen im Sinne der Dichotomie des Subjektivismus versus Kollektivismus; der Konstruktivismus als Prinzip  menschlicher Praxis/Erkenntnis versus dem Fatalismus der sozialen Gesetze (Sachzwänge), revolutionäre Illusionen und die Not der Arbeiterklasse…

Diese Veränderungen beginnend am Ende des 19 Jahrhunderts werden vermittelt über diverse ideologischen Umbrüche (Feudale, bürgerliche, sozialistische, anarchistische, religiöse, spiritualistische (Vitalismus, Mesmerismus…)) auch  in der Praxis der Kunst wirksam: der „Gegenstand“, die Rolle des Produzenten, der Auftraggeber, der Interessen der Rezipienten der Künste, das gesamte Kunstparadigma wird fraglich. Die Künste befreien sich oder werden in die Freiheit gedrängt ihre bisherige Abhängigkeit aufzugeben: von Herrschaft, Reichtum, Dekoration, Traditionalismus, Akademismus, Einbettung in Pseudowissenschaftlichkeit (Allgemeine Fragen der Wahrnehmung, Psychologie, Soziologie…) und der Ausschließlichkeit der europäischen Tradition.

 

Nur selten erkennt man in Klarheit, daß der Gegenstand der Kunst (Künste) in der konstruktiven  Entfaltung der Sphäre der sinnlichen Besonderheit (Einzel/Allgemein, das subjektiv-humane) des Menschen als gesellschaftliches Individuum liegt, welches durch die Dialektik der Wissenschafts-/Produktivkraftentwicklung und der regional-kulturellen  Gebundenheit der Subjekte auf die europäische Kunsttradition noch selbst in der Aufnahme  der außereuropäischen Kunsteinflüsse determiniert ist.

 

Die ideologischen Verwirrungen dieser Umbruchsituation  führen zu diversen Verabsolutierungen in der Destruktion des Tradierten und in experimentellen und scharlatanischen Innovationen. Zusätzlich zerstören Kolonialismus, Weltkriege und Revolutionen die scheinbare Sicherheit ästhetisch / künstlerischer Auffassungen am Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese Epoche der chaotischen Des-und Neuorientierung sollte über die Klassenkämpfe, Faschismen, Weltkriege und kalten Kriege bis in letzte Viertel des 20. Jahrhunderts dauern und erst mit der Globalisierung und Stabilisierung des Globalen Kapitalismus und dessen postmoderner Normen zur Weltkunst sich entwickeln.

 

 

 

Wang Wen Sheng (VRC) lost water, 2007, 90 x 110 oil carnavas

 

 

Welche philosophischen Fragen stellen sich nun die postmodernen chinesischen Künstler? Genügt es ihnen  die Nachahmung der westlichen Kunst zum Maßstab zu nehmen bzw. deren Distanzierung oder Übersteigerung?

Ist die historische Referenz schon ausreichend, um an die europäische Kunsttradition anzuknüpfen, bzw. ins Welt-Kunstsystem einzudringen ?

Gibt es so etwas wie eine Wahrheitssuche der Form, den Anspruch auf das Wesen des Werkes, welches sich nicht unmittelbar erschließt oder ist jedes Werk lediglich eine dekorative Erscheinung, Dekor des wachsenden Reichtums, ohne tiefere Bedeutung, da nur existierender Schein? Ist der Schein das Wahre der postmodernen Kunst, gibt es kein Wesen dahinter?  (aus: „Die postmoderne chinesische Malerei der Gegenwart“ )

 

 

 

 

 

 

Exkurs in die konstruktivistische systemtheoretische Reflexion der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts


Der Formalismus als selbstbehauptete Moderne

Mit der Modernen - N. Luhmann - verändern sich auch die gesellschaftlichen Imperative für Individualität. Nicht mehr: „was hat man zu sein?“ sondern: „wie hat man zu sein?“ ist die Frage. Wenn das Individuum durch Technik derart marginalisiert wird, gewinnt es die Distanz, die es möglich macht, das eigene Beobachten zu beobachten. Es weiß nicht mehr nur sich selbst. Es bezeichnet nicht mehr nur sich selbst mit Namen, Körper und sozialer Placierung. In all dem wird es verunsichert. Und statt dessen gewinnt es die Möglichkeit einer Beobachtung zweiter Ordnung.

INDIVIDUUM IM MODERNENSINN IST, WER SEIN EIGENES BEOBACHTEN BEOBACHTEN KANN.

Und wer nicht von selber drauf kommt oder von seinem Therapeuten darauf gebracht wird, hat die Möglichkeit, Romane zu lesen und auf sich selbst zu projizieren - als „uno, nessuno e centomila“ (Pirandello)

Denn: „Ich ist ein Anderer“, wie Lacan den Dichter Arthur Rimbaud (2 H. 19 Jh) zitiert – der Andere, dessen Bild dem Subjekt als Ideal-Ich (moi) gilt, und dem es sein Ich (je) anzunähern versucht, liegt außerhalb des eigenen Körpers.


Man sollte diese Diagnose nicht zu rasch als pessimistisch abtun. Man kann sie jedenfalls auch als Hinweis
auf die Möglichkeit des Ausprobierens immer neuer Kombinationen, ja immer neuer Unterscheidungen sehen, für die funktionierende Simplifikationen (die Kunstwerke) eine unabdingbare Voraussetzung bilden.

 

Der Kunstbegriff der Moderne ist in seiner pessimistischen Sicht

schließlich so weit ausgedehnt und ausgereizt, dass negative Werte wie Banalität, Kitsch, Abfall, Pornografie als Differenzkriterien unbrauchbar geworden oder als Readymades künstlerisch vereinnahmt sind. Klassische Gegensatzpaare wie schön und hässlich, gut und böse, die noch im Projekt der „nicht mehr schönen Künste“  wirksam waren, greifen nicht mehr recht. Geblieben vom Projekt der Moderne ist eine ästhetische Entgrenzung - die mangels Barrieren und Tabus (?), die noch zu überwinden wären – zum Leerlauf, zur Tautologie der Wirklichkeit, zu werden droht.

Dieser Mangel entspringt der Koketterie des Formalismus mit dem Zwang zur technischen Modernität als marktmäßiges Differenzierungspotential und einer metaphysischen „Freiheitsauffassung“. Auch das Missverständnis dass Kunst allgemeingültige Wahrheiten quasi als Konkurrenz zur Wissenschaft bieten könne förderte formalistische Ausprägungen im Sinne einer Welt-Kunstsprache ohne Realitätsbezug als zur Kunst selbst. Die Verherrlichung der Technik, der Verdinglichung, der Enthumanisierung vertreibt den Menschen und seine sinnliche Differenzierung aus der Kunst und ersetzt sie durch den feinen Differenzierungsgeschmack der Elite und deren Experten.

Was wir vom Projekt der Moderne ins 21. Jahrhundert übernehmen, wäre eine von ihrer permanenten  Selbstdestruktion (Dekonstruktion) bedrohte Moderne. Die Postmoderne. Die Gegenwartskunst hat auf weiten Strecken vergessen, dass sich Kunst, grenzüberschreitende, emanzipatorische Kunst, im Gegensatz und Widerspruch zur Herrschaft, nicht in der totalen Kommunikation mit ihr, verwirklicht. Heute ist sie weitestgehend der raffinierte Schein der ideologischen Indoktrination der Eliten und Massen unter dem Mantel der „Freiheit“ und des Genusses. Die Kunst wurde zum  wa(h)ren Genußautomaten der herrschenden Klasse(n) und zum neuen Heroin fürs Volk.

Gibt es noch die zu Marxens Zeiten und zu Brechts Epoche vermutete  maulwurfarstige Kunst der sinnlich wahrnehmbaren Kritik, des  impliziten Widerspruchs im herrschenden Ideologischen, welche über die Kämpfe der Klassen und Schichten, Völker und Institutionen in der performativen Sprache der Kunst diese Kritik artikuliert  und permanent im Flottieren der Bedeutungen, besser gesagt: in der Umwertung der Werte sichtbar wird ?

Ohne Illusion findet auch diese Dimension, abhängig von Spekulationsinteressen und Markt“zwängen“ immer wieder Zugang zum ökonomischen System der Kunst – wird absorbiert.

Das Kunst-System der Gegenwart besteht als spezifische Produktionssphäre der „Geistigen Produktion“ aus einem mittlerweile während des 20/21-ten Jahrhundert ausgeprägten äußerst profitablen sozio-ökonomischen Regulationssystem, welches trotz seiner immanenten Krisenhaftigkeit seine  inhärente Basis institutionell (Museen, Auktionshäuser, Messen, Märkte, Sammler, Fonds..) stabilisiert und seine Effekte globalisiert hat.

Das Regulationssystem der Kunst ist neben den Patentmonopolen und Eigentümern der Urheberrechte  einer der Vorreiter der Globalisierung des euroamerikanischen (geistigen) Kapitals, die Kunst hat die historische Rolle der katholischen Missionierung erfolgreich übernommen und effektiv ausgebaut.- ein profitabler Softfaktor ökonomischer Infrastruktur.

 

Das Ende der Kunst ?

von Hegel bereits Anfang des 19. Jahrhunderts angekündigt, steht für eine Krise der Repräsentation des Ideellen, die auch zu Beginn diesen Jahrhunderts von Künstlern wie Duchamp und Malewitsch und später von Lyotard u.a. als Krise der Repräsentation überhaupt dargestellt wurde . Aus einer berechtigten Kritik an dem überkommenen Erkenntnisparadigma der passiven Widerspiegelung wurde  in ihrer Verabsolutierung eine der verhängnisvollsten Antworten auf die erkenntnistheoretischen  Fragen der Kunst und der Wissenschaft gegeben. Sie war und ist der agnostischer Abgesang und gibt Raum für Obskurantismus und Idealismus aller Spielarten. Sie entspringt der Gegnerschaft gegenüber einem Popanz einer passiven Abbildtheorie, die schon immer dogmatisch veraltet war, wenn auch im Stalinismus und in der Vulgärphilosophie bis heute weit verbreitet. Ein „Abbild“ - jede theoretische Leistung - ist das Ergebnis einer konstruktiven psychischen (gesellschaftlich/individuellen) Arbeit, aber , entgegen solipsistischer Behauptungen des radikalen Konstruktivismus, an die einzigartige Realität und damit menschliche Praxis gebunden.

Die Behauptung des Endes der Kunst impliziert die zählebigen Redensarten wie die „Vertreibung des Menschen aus der Kunst“ oder den „Verlust der Mitte“, womit der Kulturkonservatismus von Ortega y Gasset bis Hans Sedlmayr das Projekt der Moderne zu torpedieren versuchten. Wobei man ja Sedlmayr zugestehen muss, dass er wusste wovon er sprach, da er sich um die  Disfunktionalität der Kunst zur Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitalismus sorgte. Ortega y Gasset konnte der Kunstentwicklung in den Zwanzigerjahren durchaus dies als  Positives abgewinnen:  die Unverständlichkeit dieser Kunst für die Massen – als Entwicklung zu einer nur mehr komplex zu vermittelnden Elitekunst  für die Tempel (Museen) der Elite. Er hat damit auch einen Aspekt der Realfunktion des Politisch-konservativen in der Moderne erkannt – das Populäre (nicht das Triviale) ist zu eliminieren.

 

 

Jo Kühn O.T 2007, Papierschnitt 130x29 cm

 

 

Das Zwanzigste Jahrhundert und seine Kunst

Das Projekt der Progessiven-Moderne sah sich in seiner explizit antikapitalistischen, humanistischen Strömung als Bremsblock im Prozess der „Zerstörung der Vernunft“  und deren  faschistischen Tendenzen ( Georg Lukacs ). Diese Moderne beginnt mit der revolutionären Artikulation des Bürgertums und seiner kleinbürgerlichen Rebellen während der Französischen Revolution, Unterbrechungen durch die folgende Reaktion, Wiederaufnahme wenn auch zögerlich im Impressionismus und besonders während der Pariser Commune.  Ausgehend von der gebrochenen Romantik eines Delacroix oder Gericault und dem kritischen Realismus von Courbet, Daumier, Hogan, teilweise sogar Millet, über van Gogh bis zu Bacon, Lucian Freud oder Hrdlicka entwickeltt sich das rebellisch, „revolutionäre“ Kunstverständnis, das mit dem Humanismus und den unterdrückten Schichten diese Welt verbunden ist, bis heute.

 

 

 

Gerda Fassel, La Zia, 1969, 27x21,5x23,5, bronze 0/7

 

Das Projekt der Moderne bedeutet nicht nur den Anschluss an die extensive Romantik von Novalis, Schlegel, Kleist („Über das Marionettentheater“), Baudelaire, Lautreamont, sondern auch die Befreiung aus der Vormundschaft und Kontrolle durch die feudale Herrschaft und die deutschen Identitätsphilosophie des Idealismus, der Ästhetik Hegels und seiner Schüler.

Die Entwicklung der Moderne ist auch das ursprünglich progressive  Anknüpfen an die Befreiung des sogenannten ästhetisch Bösen, Verrufenen, Hässlichen, z.B.: bei den de Sade huldigenden Surrealisten, wie  Artaud und Bataille. Aber die Erben der Romantik in unserem Jahrhundert haben zwar die giftigen Früchte der Verdrängung des Fleisches, des Zufalls, des Unbewussten, alles Unästhetischen sichtbar gemacht, diese wurden aber im Sinne der hemmungslosen postfaschistischen ökonomischen Interessen zur perversen/verdinglichten Leidenschaft massenhaft (ca 800.000 SM-begeisterte in D, 2008, Spaßbrutalität, Kriegsbegeisterung. etc) entwickelt.

Das widersprüchliche Projekt der Moderne vereinigte die Romantik und die Utopie des Humanen, die Vernunft und Kritik der Zustände. Wir müssen diese unauflöslichen Widersprüche, als die Antinomien unserer Moderne und als die reale dichotomische Sicht der Kunstgeschichte des 20.Jahrhunderts akzeptieren. Das sozial-staatliche Umfeld vertritt in seiner humanistisch orientierten Ausprägung vermittelt durch seine Klassenkämpfe, hegemonialen ideologischen Institutionen und habituellen Ausprägungen  ein Rationalisierungs- und Aufklärungskonzept, das den erweiterten instrumentellen Freiraum der Kunst in einem „vernünftigen“ Ausmaß gleichzeitig zu erweitern und zu beschneiden sucht. Die humanistisch-rationalistische Strömung verurteilt die Romantik darin, dass sie die Deformation des Schönen, Guten und Wahren in der Emanzipation des Hässlichen, Bösen und der ästhetischen Lüge zu weit getrieben hat und der Tradition der Schwarzen Romantik frönt, dies gaben schon Lukacs, Bloch und auch Habermas zu bedenken.

Die Kunst braucht, damit ihre Wahrheit formulierbar wird, die Philosophie; aber die Philosophie braucht auch die Kunst (Adorno). Die heutige Philosophie ist im Anschluß an Gramsci eine Philosophie der Praxis, eine Reflexion der Geschichte unserer Praxis und der daraus möglichen Handlungsentwürfe.

Adorno war noch utopisch der Auffassung, dass  ohne Kunstwerke  der Philosophie der Weg zur Wahrheit längst versperrt sei. Die rationale Struktur der Philosophie wie auch er sie verstand, ihr identitätslogisches (idealistisches) Denken ist nicht imstande (Castoriadis), die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen. Ebensowenig vermag die Kunst den allgemeinen Verblendungszusammenhang, den die Kulturindustrie der kapitalistischen Gesellschaften über das Bewusstsein der Menschen legt, zu durchbrechen. (vgl. aber dagegen Jan Rehmann, „Einführung in die Ideologietheorie“, 2007 Argumentverlag)

 

 

 

Jürgen Czaschka , 2000,  Poseidon, Radierung

 

Die Hoffnung Adornos, dass mittels der Darstellung des Erhabenen als Ausdruck des Widerstandes gegen die Totalität unserer Gesellschaft die Kunst einen privilegierten Zugang zur Wahrheit hätte, konnte er nur in der Form der Verweigerung der ideologischen Formen, mit denen der Markt das Bewusstsein überschüttet, zu begründen versuchen. Deshalb muss Kunst nach Adornos Auffassung in der Organisation ihres Materials immer radikaler werden, da die ästhetischen Errungenschaften immer schneller durch die massenhafte Reproduktion und Vermarktung entwertet werden. Doch diese  negativen Dialektik schützt nicht vor der Affirmation an die Markterfordernisse, nichteinmal  zu Adornos Zeiten.  Das war auch ein Motiv für viele linksintellektuelle Künstler, dass ihre Kunst der Moderne immer hermetischer, in sich geschlossener, vordergründig unverständlicher, immer radikaler wurde. Wie Adorno es formulierte: „Die adäquate Haltung von Kunst wäre die mit geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen!“ In dieser Haltung glaubte Adorno würde Kunst zum Statthalter des Humanen in einer inhumanen Welt. Sie könne dies aber nur, wenn sie, wie Adorno in der Philosophie der neuen Musik geschrieben hatte,, diese Unmenschlichkeit der Welt um des Menschlichen willen überbietet“. Auch eine der Quellen der eliteorientierten Kunstentwicklung.

 

Die Schocks der Sozialen Kämpfe, der Weltkriege, des Faschismus und des Kalten Krieges 

Das SYSTEMUMFELD der KUNST des zwanzigsten Jahrhunderts

Bürgerkriege oder bürgerkriegsähnliche Zustände seit der Pariser Commune in vielen europäischen Ländern zur Durchsetzung minimalster sozialer und demokratischer Standards; Pomp und Reichtum der Feudalen Herrscherhäuser. Hemmungslose kapitalistische Gier und Kolonialismus. Erster Weltkrieg als Raubkrieg mit schwersten traumatischen Folgen, Russische Revolution mit massiver äußerer und innereuropäischer Reaktion gegen alles Linke bis zum Sieg durch den Faschismus. Millionen Tote, Ermordung des Großteils der linken und humanistisch gesinnten Intelligenz im Faschismus und Stalinismus. Trauma des Holocaust, Kalter Krieg und Ausbau der sozialen und demokratischen Standards in Westeuropa und Nordamerika extreme Beschleunigung der Technologieentwicklung, Globalisierung des Kapitalismus, Ende der „sozialistisch-terroristischen“ Regime in Osteuropa.

 

Die utopischen Artikulationen der Klassenspaltung in der Kunst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts

“Die Kunstausstellung ist eine Missgeburt des kunstverarmten Europas. Da die Kunst im wirklichen Leben der zivilisierten Völker erstarb, musste sie sich in jene grotesken Schauhäuser flüchten und sich dort prostituieren. Das Kunstwerk hat heute nicht mehr seinen festen, geheiligten Platz inmitten des Volkes, es ist vogelfrei geworden.“ (Gropius 1919)

Für die Avantgarde ist bürgerliche Kunst bloße Ideologie: sie verschönt die Wirklichkeit, um deren unschöne Seiten zu verdecken: „... dieses Milieu bemäntelt die Wahrheit“ (Leger). Damit aber darf sich „echte“ Kunst - auch und gerade wenn sie sich als Anti-Kunst versteht - nicht zufrieden geben:„Der Dadaist hält es für nötig, gegen die Kunst aufzutreten, weil er ihren Schwindel als moralisches Sicherheitsventil durchschaut hat. (...) Es muss dem Bürger die Möglichkeit genommen werden, „Kunst zu seiner Rechtfertigung zu erhalten“ (Huelsenbeck).

Die Avantgarde bringt also ein genuines Projekt der Aufklärung zu Ende: die Zerstörung der bürgerlichen (?) Ideologie. Das Rasen des Künstlers ist deshalb auch kein blindes Wüten, es ist heiliger Zorn - etwas, das er „... als eine Mission betrachten und wie ein Priesteramt ausüben muss.“ (B. Croce, 1913)

In der Stilisierung dieser Mission ins Titanenhafte zeigt sich der Avantgardekünstler als gelehriger Schüler des von ihm ansonsten so vehement abgelehnten 19. Jahrhunderts. Sein Ziel aber ist weiter gesteckt: Es ist nichts weniger als eine Gesellschaft ohne Widersprüche, die realisierte Utopie, die soziale Revolution ...: „Nichts ist uns teuerer als diese Produkte des menschlichen Genies, die, von der Vormundschaft der Götter und Tyrannen befreit, seine unendlichen Fähigkeiten und seine grenzenlose Freiheit bezeugen. Der Kult der Kunst wäre somit die Religion des heutigen Menschen, die die Mitglieder einer neuen Ecclesia von modernen Menschen vereinigt.

 

Die russischen Avantgarde

Die Programme der westeuropäischen Avantgarde sind Entdifferenzierungsprogramme, das heißt, sie zielen darauf ab, die dort bereits im 18. Jahrhundert erfolgreich durchgesetzte Autonomisierung und Spezialisierung der Kunst zu attackieren und aufzuheben; die auf den ersten Blick identischen Programme der russischen Avantgarde hingegen sind keine Ent-Differenzierungsprogramme, sondern die weiterlaufende Reflexion nicht ausdifferenzierter, ohnehin heteronomer Kunst in einer nicht funktionsdifferenzierten Gesellschaft. Mit anderen Worten: Die Vorstellungen der russischen Avantgarde zur sogenannten Verschmelzung zwischen Kunst und Leben, sind in den Reflexionstheorien der nicht ausdifferenzierten russischen Kunst bereits weitgehend enthalten, so dass sie von der Avantgarde quasi nur reaktiviert werden mussten.

 

von mel - veröffentlicht in: kunst - Community: mel-art
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Monday, 24. november 2008 1 24 /11 /Nov. /2008 20:41

Der ethisch/moralische Wert

ist ein System der Verhaltenskodizes, der Verhaltensnormen bis zu internationalen Normen Rechten und Pflichten. Seine Vergegenständlichung findet dieser Wert in der Ideologie der Rechtssysteme/Institutionen in Verbindung mit politischen und religiösen Werten.

Der wissenschaftliche Wert

Sein Maß ist die Sicherung der Orientierungsfähigkeit des Menschen in dieser Welt. Dieser Wunsch nach objektiven Erkenntnissen produziert Hypothesen, Theoreme, Theorien und materielle Produkte zur partiellen Erweiterung der menschlichen Orientierungstätigkeit in der Form von Erkenntnis-/Wahrnehmungsmaschinen (Mikroskop, Fernrohr, Computer etc.).

Inwieweit individuelle Behauptungen wissenschaftlichen Wert haben, das heisst, gesellschaftlich wirken und anerkannt werden, das hängt vom institutionalisierten wissenschaftlichen Diskurs ab.

Die logische Geltung (Widerspruchsfreiheit) wissenschaftlicher Aussagensysteme ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für deren gesellschaftliche Anerkennung. Selbst die praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt als hinreichende Bedingung der Gültigkeit des Wertes der wissenschaftlichen Erkenntnisse, ein lediglich historisch relatives Kriterium an.

Die Erkenntnis der historischen Prozesshaftigkeit der Natur, des Sozialen und des Psychischen führt zur Veränderung der Denkformen, Denkmethoden und damit der wissenschaftlichen Metaphorik und der Begrifflichkeit. Ein Beispiel ist die zunehmende Ablehnung der naturwissenschaftlichen Metaphern in den Subjektwissenschaften (z.B.: hydraulische Modelle in der Psychoanalyse) und deren Ersetzung durch die Begrifflichkeit der Linguistik (vgl. Lyotard, Laclau, Foucault) das signalisiert die Krise der Gesellschafts-Wissenschaft und ihrer Ideologie.

Ein sogenannter Paradigmenwechsel (Wechsel der Grundannahmen) in der Wissenschaft wird durch die Hereinnahme irregulärer, komplexer, zeitlich irreversibler (dissipativer) in Selbstentwicklung (Autopoiese) begriffener Realitäten (Prigogines „Gesetze des Chaos") notwendig. Die alten Modelle behalten ihre relative Gültigkeit unter Beachtung der nunmehr explizit bekannten Abstraktionen (Randbedingungen), bzw. sinken zu Ideologien ab oder werden sie als Widersprüche (logische!) eliminiert.

Der politische Wert

Sein Maß ist der hegemoniale Diskurs in den Klassenkämpfen. Er ist die Artikulation einer spezifischen ideologischen Sichtweise der sozialen Realität durch den "Herrschenden Block an der Macht". Der liberal-konservative Block bildet derzeit ein neues Äquivalenzsystem politischer Werte, welches "die vielfältigen Subjektpositionen um eine individualistische Definition von Rechten und eine negative Konzeption von Freiheit herum" (Laclau) vereint. Die Artikulation der sozialen Differenzen als individuelle Schwächen und die positive Umdeutung der hierarchischen Unterdrückungsverhältnisse als soziale Ausschließungsverhältnisse ("Sozialschmarotzer") soll die Macht des herrschenden Blockes sichern. Der politische Wert vergegenständlicht sich im Bedeutungssystem der Institutionen des Staates, der Zivilen Gesellschaft und dem medialen System. Da diese Bedeutungen als bewertete Beziehungen des Individuums zur eigenen Sozialität erfahren werden, stellen sie den wesentlichen Hebel für die Änderung des Sozialen und der Subjektposition dar.

Der religiöse Wert

Sein Maß ist die synkretische, alle Wertarten umfassende Vernetzung der Werte um den Kern eines Zentralwertes, welcher in seiner jenseitigen Form die Sicherheit der Weltorientierung bietet. Dieses Wertezentrum schafft, trotz aller Polymorphie der einzelnen Wertarten in der Geschichte von Religionen, die feste Identität des Individuums in seiner Glaubensgemeinschaft. Die Vergegenständlichung des religiösen Wertes in Dogmen, Ritualen und Verhaltensnormen bietet in der fragmentierten Welt der Unsicherheit die Instanz der Sicherheit. Die Quelle der Wertebildung wird ausserhalb des Subjektes verortet - im Jenseits, in der Göttlichkeit, im stabilen, ewigen Wesen. Das religiöse Subjekt ist sich der absoluten Werthaftigkeit der Welt im religiösen Gefühl (Glauben) bewusst. Der religiöse Wert ist die Verabsolutierung des subjektiven Wertaspektes dieser Welt. Dem religiösen Individuum ist seine eigene Fähigkeit Werte zu produzieren mystifiziert, fremd. Indem es sich aber das absolut Fremde (Göttliche) als eigenen, erlebbaren Wert zu eigen macht, fühlt es sich frei.

"Ich glaube, weil es absurd ist" , so lautet eine mittelalterliche religiöse Selbsterkenntnis.

Utilitaristische Wert

Oberflächlich betrachtet stellt der utilitaristische Wert den Prototyp einer Wertrelation dar. Versucht man aber den utilitaristischen Wert über ein Wertmaß qualitativ zu bestimmen, dann zeigt sich, dass die hier angesprochene Nützlichkeit/Brauchbarkeit keine eigene Qualität ausdrückt, sondern wiederum fremdbestimmt ist. Der utilitaristische Wert wird nämlich über einen teleologisch gesetzten Zweck qualifiziert (Finalität). Es wird in dieser Wertrelation somit vom lebenden Prozess der Wertbildung, dem subjektiven Moment, abstrahiert. Die Wertrelation versteinert zu einem toten Schema, das mechanisch exekutiert werden kann (Objektivismus).

Der ökologische Wert

Als Wertart hat sich der ökologische Wert, das System der praktischen Ökologie und der damit verbundenen Artikulationen, in Widerspruchsketten etabliert. Die vom Menschen ausgehenden Gefahren für die Umwelt werden mit den Gefahren, welche auf Grund der Rückwirkungen menschlicher Handlungsweise für den Menschen entstehen gekoppelt. Die Natur wird aus utilitaristischer Sicht als homoöstatisches System interpretiert, welches zu erhalten sei. Aus der Sicht neuerer ökologischer Auffassungen wird in der Form der lokal emergierenden Biosphären, mit ihren prozessualen Instabilitäten, die permanente Innovation realer Prozesse betont. Mit der Einsicht, dass die Bedrohung der Natur noch niemals grösser als heute war, wird kritisch das Maß des ökologischen Wertes angesprochen. Die Ausgrenzung, die Vernichtung von weltlichen Entwicklungsmöglichkeiten, bilden Schranken und Lasten (Kontaminationen) für eine zukünftige Vielfalt der Arten und deren Art und Weise des Zusammenlebens. Positiv formuliert, greift jede praktische Tätigkeit des Menschen, jeder realisierter Wert in das ökologische Regulationssystem ein, schafft neue lokale Umwelten. Die Destruktion der Offenheit der evolutionären Entwicklungspotentiale ist der Effekt der Reduktion des weltlichen Regulationssystems auf kurzfristige Gewinne jeder Art. Nur der radikal-demokratische Diskurs beachtet die Lokalität, Offenheit und evolutionäre Dynamik ökologischer Systeme. Insoweit ist der ökologische Wert ein Interwert (ein Kopplungsergebnis von Werten), wie er als Theorie eine Intertheorie (interdisziplinäre Theorie) darstellt.

 

Vier Grundrichtungen des Wertes

Vielleicht konnte gezeigt werden, dass die Gesellschaftlichkeit nicht unmittelbar erfahrbar ist. Sie ist die "Entäusserung" des Menschen in dieser Welt ist, und über die werthafte Reflexion auch erkennbar und beeinflussbar (nicht machbar!) , das zeigt die Dominanz der Praxis gegenüber der Theorie. Auch spontanes Handeln setzt Werte, produziert Realität und Geschichte. Der Mensch realisiert seine Natur in der Gesellschaftlichkeit und modifiziert sie, indem er sich produziert.

Die Gerichtetheit menschlichen Lebens differenzierte sich in vier "Vektoren". Ich werde sie die vier Grundrichtungen des Wertes nennen. Diese stellen als Identität ( mit aller inneren zeitlichen, "räumlichen" Differenziertheit und Widersprüchen) die Ziele der Persönlichkeit, als unterschiedliche Intentionalität, unterschiedliche Praxen dar.

Produktive Gerichtetheit

Darunter ist die zweckhafte (interessensgeleitete) praktische Gestaltung (Produktion, Reproduktion) der Welt (= bewertete Erde) zu verstehen.

Erkenntnisorientierte Gerichtetheit

Diese zeigt sich in der Produktion von Konstrukten, Modellen, Hypothesen und Theorien zur Orientierung im praktischen Lebensprozess.

Konsumierende, genießende Gerichtetheit

Dieser "Vektor" hat das Werterlebnis als Zweck und Ergebnis.

Kommunikative Gerichtetheit

Jede menschliche Tätigkeit bedarf der intra- und interpersonellen Kommunikation, sie ist die natürliche Basis der Gesellschaft.

Entsprechend der genannten Intentionen, welche in der synthetisierenden Einheit der Persönlichkeit nur als intentionale Aspekte der subjektiven Realität wahrgenommen werden, entfalten sich die Produkte, die Institutionen - d.h.: das reale System der Werte, des Werts (als Einheit des Mannigfaltigen). Gezeigt wurde, dass über die historische Praxis der Wert sich in vergegenständlichte Wertarten differenziert. Jetzt soll die Richtung ("Vektor") des Wertes im Sinne einer dynamischen Metapher der Persönlichkeit und Gesellschaft diskutiert werden.

Produktive Gerichtetheit

Der Produktionsprozess von Gebrauchswerten, welcher die Stoffwechselprozesse der Menschen mit der Natur realisiert, ist das Basismoment der menschlichen Existenz als Naturwesen und setzt die Reproduktion und soziale Formbarkeit der realen Welt (gegenständliche und soziale Realität).

"Der Artikel, der Ware und daher Träger des Tauschwertes sein sollte, musste irgendein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen, daher irgendwelche brauchbare Eigenschaften besitzen. Voila tout. Anders mit dem Gebrauchswert der Waren, die im Produktionsprozess funktionieren. ... Die Formbestimmung des Gebrauchswertes wird hier selbst wesentlich für die Entwicklung des ökonomischen Verhältnisses, der ökonomischen Kategorie."(K.Marx)

Der Reproduktionsaspekt, der Aspekt der Notwendigkeit der geleisteten Arbeit drückt die Minimallinie der Ökonomie aus, die Erhaltung der Realität, er orientiert sich an vergangenen Werten.

Der Maßstab des Kapitals ist die Masse des veranlagten Kapitals zu einem Startzeitpunkt der Produktion. Man sagt,es wird konstantes (Gebäude, Maschinen und Rohstoffe) und variables (Lohn) Kapital vorgeschossen. Der Wert dieses Kapitals ist zu diesem Zeitpunkt jeweils bestimmt. An ihm misst sich das Wert-Produkt des Produktionsprozesses zum Zeitpunkt der Wertrealisierung, also später. Also bestimmt die jeweils schon verausgabte Arbeitszeit, die schon vergegenständlichte Arbeit (das vorgeschossene Kapital), die Effektivität, den ökonomischen Wert der Produktion.

Die Struktur des Kapitals (die "Tote Arbeit") bestimmt in ihrer Dynamik als Wert die "sinnvolle" Allokation der Arbeitskraft und damit das Wertquantum in seiner gesellschaftlichen Proportion zur Erhaltung des Ganzen. Die kreative Neuformung der sozialen Realität ist der gebrauchswertmäßige Widerspruch zur Reproduktionsnotwendigkeit des Kapitals. Produktivität ist Entwertung. Das widersprüchliche Maß der Produkivität ist der Neu-Wert in seiner Differenz zur Vergangenheit (Wert) und die tendenzielle Entwertung des Wertes durch die Neuheit des Gebrauchswertes. Implizit ist dieser Gerichtetheit die Tendenz zur Reproduktion der sozialen Abhängigkeiten, der Klassen, der Eigentumsformen, weil der Bezug vergegenständlichter Wert zu lebendiger Arbeitskraft durch die Trennung in Eigentümer der Produktionsmittel und Eigentum am Lohn (Lebensmittel im weitesten Sinn) permanent reproduziert wird.

Die Vergegenständlichung dieses Gerichtetheitsaspektes realisiert sich im ökonomischen Maß - dem Geld bzw. im Kapital als Bewegungsform des Widerspruches Gebrauchs-Wert und Wert (ökonomischer Wert).

In jeder Gesellschaftsformation gibt es den Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft. Dieser Widerspruch kann in seiner Verdoppelung als Gesellschaft - institutionalisierte Gesellschaft (= Staat) und Persönlichkeit auch als Widerspruch zwischen Volk - Staat - Individuum, d.h. als transienter Herrschaftsaspekt der Geschichte der Produktionsweisen aufgefasst werden. Darüber hinaus verweist die klassenmäßige Spaltung der Gesellschaft selbst auf die Frage der Wertformen als jeweils formationsspezifischer Ausprägung der Herrschaft auf der Basis der Produktionsweise (... Feudalismus, Kapitalismus ...). Die Wertform der Klassengesellschaften ist also die durch die jeweilige herrschaftsmäßige Dominanz gesicherte Wertsetzungsmacht zur Reproduktion der existierenden Klassen.

Im Kapitalismus mit seiner Tendenz zur allgemeinen Wertform, welche nichts anderes ausdrückt, als dass tendenziell alle wertsetzenden Tätigkeiten der Dominanz des ökonomischen Wertes untergeordnet werden, ist die Form des Privateigentums der letztgültige Ausdruck für die klassenmässige Individualisierbarkeit der Werte. Diese allgemeine Wertform, deren kapitalistischer Ausdruck in der Verdinglichung der Werte und Versachlichung der Herrschaftsbeziehungen zu finden ist (Fetisch) spiegelt im Kapital als verselbständigten dinglichen Wert die derzeit dominante Wertebeziehung wider. Die Wertform als Kapital, welche der prozessierende Widerspruch zwischen individueller Wertsetzung im Produktionsprozess und indirekter Vergesellschaftung und Bewertung dieses potentiellen Wertes über den Markt ist, stellt die allgemeinste und abstrakteste Ausdrucksform des Wertmaßes dar. Es ist die zur Abstraktion geronnene Gesellschaftlichkeit der Wertsetzung, das Geld. Alle Nichteigentümer müssen arbeiten, müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, das heisst: vergesellschaften. Die verallgemeinerte Beziehungsnorm der Menschen zu ihren Produkten (Wert), ist die gesellschaftliche (abstrakte) Arbeit, welche ökonomischen Wert hat, weil sie ihre Notwendigkeit dadurch beweist, dass sie rekursiv die Proportionalität der eingesetzten Arbeitszeit reproduziert. Die dynamisch funktionierende Arbeitsteilung zeigt in ihrer jenseits vom Gleichgewicht existierenden Stabilität die gesellschaftliche Notwendigkeit von gesellschaftlich geleisteter Arbeit an. Diese Stabilität stellt, mit ihren systemimmanenten Krisen, das letztgültige Maß für den ökonomischen Wert dar.

Denn entscheidend für die Realisierung des im Produktionsprozess gesetzten Wertes ist seine Notwendigkeit. Implizit ist also der indirekten Vergesellschaftung (= Anerkennung der gesetzten Werte über den Markt) deren permanentes Ungleichgewicht, deren Disproportionität und Verschwendung - sie entwikelt ein "Gleichgewicht" jenseits der Symmetrie.

Aus dem Gesagten ergibt sich quasi logisch, im Sinne der Dominanz des ökonomischen Wertes, dass alle Tätigkeiten welche nicht der Macht der jeweils herrschenden formationsspezifischen Wertform unterliegen, als nicht bedeutsam erscheinen. Dies kann, wie bei der unmittelbar vergesellschafteten Arbeit der Frau, der Reproduktion der Natur und Psyche von Kindern, Männern, Kranken, soweit gehen, dass diese Arbeit als soziale Arbeit nicht wahrgenommen wird. Das Patriarchat wurde als geschlechtsspezifische Herrschaftsform jeweils durch die entsprechenden dominierenden Wertformen, und deren dominierende Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse überformt. In der Sklavenhaltergesellschaft, oder im Feudalismus, sind es jeweils unterschiedliche persönliche Abhängigkeiten, Eigentumsformen, welche die gesellschaftlichen Beziehungen (auch Ausbeutung) regeln.

In einer Gesellschaftsformation, in welcher "jeweils nur solche Tätigkeiten und die verknüpften Bedürfnisse entwikelt (werden R.S.), die am Markt bestehen konnten, die sich also lohnten, was die Verausgabung von Zeit anging blieben alle Produktionen und Tätigkeiten auf der Streke, deren Spezifik eine extensive Zeitverausgabung ohne entsprechend großes Produkt war. Es liegt in der Logik der Sache, dass der größte Teil der agrikulturellen Tätigkeiten ebenso wie Wald- und Naturpflege, ja im Grunde auch das Aufziehen von Menschen mit der Logik der Zeitreduktion unverträglich sind ... (Es R.S.) treibt diese Entwicklung eine Spaltung der Menschheit voran in solche, die sich am Markt bewähren können, und solche 'Teilmenschen', die unter dem Niveau der Durchschnittsmenschen tätig sind. Hier kündigen sich die 'dritten Welten' und ihre Verelendung an."(Frigga Haugg)

Erkenntnisorientierte Gerichtetheit

Im Beobachtungsprozess (Reflexion, Erkenntnis) setzt das Subjekt das Objekt als unabhängig, trennt die reale Beziehung künstlich zum Zweck der Analyse des Objektes. Die Intention der Wissenschaften, auch der Naturwissenschaften ist die ideelle Vergesellschaftung der Natur (der ersten = die Natur und der zweiten = die soziale Natur). Die konkrete Form dieser Vergesellschaftung wird, wie in der Produktion, über die Anwendung gesellschaftlich gegenständlicher Mittel im experimentellen Arbeitsprozess erreicht. Diese gegenständlichen Mittel (Werkzeuge und Denkzeuge) implizieren naturhaft-soziale Dimensionen der Arbeit und stellen somit einen energetisch-informationellen Eingriff in die Natur dar.

In der älteren Auffassung von Wissenschaft wurde die beobachtende Intentionalität in der Weise verabsolutiert, dass die Materie (unbewertete Welt) nur zur Entwicklung (Entelechie eines vorgegebenen Weges) fähig schien, aber nicht zur Produktion von Neuem, insbesonders neuer Gesetze. Diese Auffassung führte zur Meinung, dass Naturgesetze nur zu entdecken seien - nicht zu produzieren. Die produktive Gerichtetheit menschlichen Handelns erscheint in dieser Auffassung negiert. Der Mensch erscheint als reines Naturwesen in Identität mit seiner als asozial gesetzten Welt.

"Die dialektisch-materialistische Denkweise ist nicht 'objektiv' in dem Sinne, dass sie physikalisch die Seinsart alles Seienden auf jene ontologischen Strukturen reduzieren würde, die in der anorganischen und aussermenschlichen organischen Wirklichkeit gefunden (oder vermeintlich aufgefunden) werden. Die spezifischen Unterschiede der Seinsarten werden hervorgehoben - im Rahmen einer einheitlichen Welt, deren Entwicklungs- und Struktureinheit in ihrer Materialität beruht. Das wissenschaftliche Denken im Rahmen des materialistischen Rationalitätstyps distanziert sich deshalb und dadurch von der objektivistischen Haltung, dass es begreift, dass die Menschen zugleich Autoren und Schauspieler des gesellschaftlichen Dramas sind und das gesamte Denken ein Moment der Praxis ist".(Zeleny)

Ilia Prigogine weiß es hoch zu bewerten, dass die Idee einer "historischen" Natur, einer Natur, die der Entwicklung und Innovation fähig ist, "schon vor langer Zeit von Marx und in detaillierter Weise von Engels als integrierender Bestandteil der materialistischen Auffassung vertreten wurde."

Letztlich äußern sich die neuen Paradigmen der Wissenschaft und praktischen Lebensführung in der Erkenntnis, dass die Regulation der Entwicklungsprozesse der ganzen Welt der Gegenstand wissenschaftlicher und künstlerischer Darstellungen sind. Die Kategorie des Wertes ist die zentrale Kategorie jeder Regulationsauffassung.

Wissenschaft ist die vergesellschaftete, vergegenständlichte Produktion von ideellen Konstrukten zum Zweck der praktischen Orientierung. Dies drückt sich in der Zuschreibung des Wertes Wahrheit aus, einem Bewertungsergebnis. Erkenntnisse, Einstellungen als persönlichen Orientierungswert nennt man Weltanschauung.

Konsumierende, geniessende Gerichtetheit

Die Realisierung des Wertes erfolgt in der bedürftigen individuellen Aneignung der werthaften Realität. Der Wert ist im Moment seiner Produktion und Zirkulation obwohl gegenständlich schon gesetzt, noch eine quasi ideologische, subjektive Erscheinung. Er muss seine Realität in der individuellen Befriedigung von Bedürfnissen zeigen.

Insoweit hebt das konsumierende Individuum das "für sich sein" der gesellschaftlichen Wertsetzung und das "an sich sein" der gesellschaftlichen Wertexistenz im "an und für sich sein" des Konsums auf. Das Individuum ist nun als gesellschaftliches bei sich selbst, vermittelt über das gesellschaftliche Objekt, das Mittel des Konsums. Dieses Mittel hat wie jedes Mittel einen produktiven Charakter, es dient der erweiterten Produktion der Persönlichkeit, entwickelt oder deformiert sie. Das Individuum negiert in der Konsumation die fremde Existenz des Wertes als nur gesellschaftlich gesetztem mit dem Mittel seiner individuellen Gesellschaftlichkeit.

Es ist nur insoweit fähig Werte zu konsumieren, als seine Gesellschaftlichkeit entwickelt ist, d.h.: Seine Bedürfnisse und damit der Reichtum der Fähigkeiten. Der individuelle Wertefundus ist die Quelle des Genusses, insoweit genießt die Persönlichkeit sich selbst, ist bei sich, realisiert einen Wunsch, den noch nicht realisierten Wert. Bei entsprechender Wertdynamik der Persönlichkeit kann auch das Neue, die bewertete eigene Entwicklungsfähigkeit zur Quelle des Genusses werden, nicht nur das "Wiedererkennen".

Der Mensch schafft seine Sinne, indem er produziert und seine Sinnlichkeit in der Konsumation, welche eine aktive, praktische Kritik des Selbst darstellt. Die Erotik ist die Projektion des Wunsches auf den/die Anderen, die Sehnsucht nach Wert-sein, Wert-haben, Wert-werden. Wert im Anderen sein. Der eigene Andere ist der Körper, das eigene Naturwesen.

Kommunikative Gerichtetheit

Der Wert existiert nur im kommunikativen Raum. Wert haben ist keine Eigenschaft der Realität isolierter Objekte. Wert ist eine Beziehungskategorie. Die Humanattributierung der Realität realisiert sich in der menschlichen Kommunikation der Werte, dem Verhalten. Bestimmend sind die Werte als Verhältnisse, sie sind aber nur gesetzt, müssen über menschliche Kommunikation permanent realisiert werden, damit sie wirken, existieren.

In der Differenz zwischen intrapersoneller (mit sich) und interpersoneller (mit den anderen) Kommunikation eröffnet sich der Unterschied zwischen persönlichem Sinn und gesellschaftlicher Bedeutung. Die konnotativen Valenzen werden emotional emergiert, die physische Realisation der Psyche ist der notwendige Durchgangspunkt der Werte, der Sinnbestimmung des Realen für die Persönlichkeit. Die Diskursivität der Sprachen (auch der nonverbalen) vermittelt die vergesellschafteten Aspekte der Realität als objektivierte Humanität.

Der Markt ist der kommunikative Raum des ökonomischen Werts. Am Markt treffen sich Geld und Waren. Das Geld in jeder Form (Gold, Papiergeld, Kredit ...), als allgemein gültiges Zeichen von Wert, vermittelt die reale Vergesellschaftung der Werte (Waren). Das Geld realisiert als das allgemeine Wesen der Ökonomie das wahre Gemeinwesen unserer Epoche: den Kapitalprozess, den Wert hekenden Wert, die Wertproduktion um der Mehrwertproduktion willen.

Schlussbemerkung:

Die Gesellschaft ist als komplexes prozessierendes „System" (jenseits vom Gleichgewicht, im Sinne der Chaostheorie, und Marxens Auffassung z. B.: im Band 2 des Kapital's):

1. relativ unabhängig von der Einzelpersönlichkeit

2. "funktioniert" nach den auf Individuen irreduziblen Gesetzen von Ensemblen von Personen, deren Mitteln, Zielen und Werten;

3. sie ist umso fremder (unbekannter "Gesetze" entsprechend) je weniger die Personen in ihrer Erkenntnis und Praxis der Dynamik der Gesellschaft entsprechen können; bzw. deren "Gesetze" gestalten können; je grösser der Widerspruch zwischen Gesellschaft und Persönlichkeit erfahren wird; je unbeeinflußbarer die Gesellschaft in ihren Elementen und ihrer Dynamik erscheint.

In den klassengesellschaftlichen Formationen und in Gesellschaftsformationen, welche Gesellschaft und Individuum durch Subordination des Individuums unter die Gesellschaftlichkeit entfremden und damit ein Staatseigentum (= entfremdete Form der Gesellschaftlichkeit, spezifische Form des Privateigentums einer Klasse oder Gruppe) an Werten setzen, gilt: dass der Zusammenhang des Wertes von seiner Setzung, Existenz bis Realisation dahingehend gespalten ist, dass die Wertsetzung den gesellschaftlichen Individuen zukommt, aber die Zirkulation und Aneignung durch das Eigentum (Eigentümer) bestimmt wird. Damit werden aber auch die Ziele der Wertsetzungspotenz, die Distribution der subjektiven und objektiven Wertproduktionsfaktoren, die Distribution der Werte und die Verfügungsmacht über die Werte von den Produzenten getrennt.

Wird nun die Kommunikation der Werte über die indirekte Vergesellschaftung (in "Märkten", demokratische Institutionen, kulturelle Orte der Kommunikation) "ausgeschaltet", dann wirkt sich die Gesellschaftlichkeit als Zwang und Willkür der Herrschenden aus. Über den Weltmarkt setzt sich das Wertgesetz (= Minimallinie des ökonomischen Wertes) auch für diese Gesellschaftsformation durch. Jedenfalls gibt es in allen Gesellschaftsformationen immer Bereiche der Wertproduktion (seien es nun Dinge oder "Dienstleistungen"), welche direkt vergesellschaftet werden und solche, welche indirekt vergesellschaftet werden müssen. In welchen Proportionen und Qualitäten welche Bereiche der Werteproduktion direkt zu vergesellschaften sind und welche demokratischen Spielregeln dabei eingehalten werdem sollen,ja das halte ich für die zentrale Frage unserer Epoche.

 

von mel - veröffentlicht in: kunst - Community: mel-art
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